So passt der Restmüll von zwei Jahren in ein Einmachglas

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Eingelegtes Gemüse im Einmachglas: Bei Aline Pronnet passt der Müll von anderthalb Jahren in ein solches Gefäß.
Eingelegtes Gemüse im Einmachglas: Bei Aline Pronnet passt der Müll von anderthalb Jahren in ein solches Gefäß. (Foto: Colourbox)
Schwäbische Zeitung
David Mairle

Die studentische Initiative Rework hat gemeinsam mit dem Abfallwirtschaftsamt und den Stadtwerken am See zu einer Veranstaltung zum Thema Müllvermeidung an die Zeppelin-Universität eingeladen. Vortragsredner und Diskussionsrunden beleuchteten verschiedene Perspektiven des Themas. In einem Workshop konnten die Teilnehmer ihre eigene Zahncreme – ganz ohne Plastikverpackung – mischen.

Eigentlich ist Plastik überall. Im Gletschereis kann man es mittlerweile finden, in Form von winzig kleinen Teilchen. Mikroplastik nennt man diese. Wie sie auf die Gletscher gekommen sind kann man nicht sicher sagen. „Wir wissen nur, dass sie da sind“, sagt Michael Wlaka von Greenpeace Friedrichshafen.

Er war am Mittwoch zu einem Themennachmittag zu dem Thema „Alles Plastik, alles gut?“ in der Zeppelin- Universität zu Gast. Vorträge, Diskussionsrunden und ein Workshop standen auf dem Programm. An die 30 Zuhörer, vor allem aus Friedrichshafen aber auch vereinzelte Studenten, konnten so aus erster Hand von Wlaka erfahren, wo man dem Greenpeace-Vertreter zufolge Mikroplastik in der Natur finden kann: Vor allem in den Meeren, in denen jedes Jahr ungefähr 150 Millionen Plastikmüll landen.

Fische fressen den Kunststoff, der so über Umwege auf den heimischen Teller gelangen kann. Aber auch im Grundwasser gibt es mittlerweile Plastikteilchen, sie finden den Weg auf Äcker und Felder und werden in vielen Kosmetika eingesetzt. Was sind die Auswirkungen des Mikroplastiks auf den Menschen? „Die sind derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung“, erklärt Michael Wlaka. Man weiß es also noch nicht. Wlakas Fazit: Wir produzieren zu viel Plastikmüll, der nur zu etwa 15 bis 30 Prozent recycelt wird.

Ein Leben ohne Müll

Das ärgert Aline Pronnet. Sie ist Jahrgang 1991, wohnt in München und lebt nach eigenen Aussagen seit 2016 ein Leben ohne Müll. „Zero Waste“ nennt sich dieser Lebensstil. Pronnet ist auf Einladung von Rework aus Bayern angereist um von ihren Erfahrungen zu berichten, im Gepäck hat sie ein Einmachglas, in das ihr Restmüll von anderthalb Jahren passt. Sie hält regelmäßig solche Vorträge, ist Dozentin an der Volkshochschule und berichtet nebenher im Internet auf ihrem Blog (www.aufdiehand.blog) von ihrem Zero-Waste-Leben.

„Ich habe aus purer Faulheit damit angefangen“ gibt sie unbefangen zu. Aline Pronnet hatte keine Lust, so viel Plastik zum Wertstoffhof zu schleppen, der „drei Käffer weiter war.“ Also hat sie angefangen, diesen gezielt zu reduzieren. Mittlerweile kauft sie in speziellen Läden ohne Verpackung ein, lagert ihre Vorräte in alten Einmachgläsern, kompostiert und recycelt wo es geht und mischt ihre eigene Zahncreme. Das Rezept verrät sie den Teilnehmern am Donnerstag in einem Workshop.

Stoeßel erklärt Entsorgung

Bei den Diskussionsrunden zwischen den verschiedenen Vorträgen war immer Stefan Stoeßel mit auf dem Podium, der an der Vermeidung von Abfall nicht nur ein persönliches, sondern auch ein berufliches Interesse hat. Seit mehr als 20 Jahren ist er als Leiter des Abfallwirtschaftsamtes für den Müll des gesamten Bodenseekreises zuständig. Er erklärt, wie kompliziert die Entsorgung in vielen Fällen ist.

So zum Beispiel der Biomüll: Der kann im Prinzip mit modernen Anlagen zu Gas vergoren werden, das für die Energiegewinnung genutzt wird. Die Reste, die dabei übrigbleiben, können als Dünger genutzt werden. Landet allerdings Plastik im Biomüll – auch sogenanntes Bioplastik – kommt das wiederum auf die Felder. Mülltrennung ist also entscheidend. Und: „Der beste Müll ist der, der vermieden wird“, sagt Stoeßel.

Das haben auch Désirée und Bernd Köhler versucht. Seit Anfang Januar versuchen sie, „Zero Waste“ zu leben. Stein des Anstoßes war ein Wettbewerb, den das Abfallwirtschaftsamt ausgeschrieben hat: Drei Monate möglichst ohne Müll. Ganz schaffen sie das noch nicht. „Aber wir haben unseren Plastikmüll schon im ersten Monat von vier gelben Säcken auf zwei halbiert“, berichten sie. Das sei viel leichter, als sie im ersten Moment gedacht hätten und stellenweise sogar billiger. „Man muss sich einmal hinsetzen und das durchplanen“, sagt Désirée Köhler, „aber dann geht auch vieles leichter und man kauft oft weniger ein.“ Hundefutter zum Beispiel.

Die Köhlers sind von Nass- auf Trockenfutter umgestiegen. Dadurch ist ihr Plastikmüll von einer Futterdose am Tag auf einen Sack Futter im Monat gesunken. Aber auch sie machen viel selber, backen ihr eigenes Brot (ohne Brottüte aus Papier), haben ihr eigenes Deo hergestellt (ohne Plastikverpackung) und Bernd Köhler hat schon Bier gebraut, das er in alte Glasflaschen gefüllt hat. „Das schmeckt super“, sagt er. Vieles wollen die Köhlers auch nach den drei Monaten für den Wettbewerb weiter so machen. Manches haben sie bereits jetzt wieder aufgegeben. Das sei ganz normal, sagt Aline Pronnet. „Jeder muss ausprobieren, was für ihn passt. Da gibt es nicht die eine, richtige Lösung.“ Müllvermeidung bis hin zu Zero Waste sei immer ein Prozess, in den man sich begibt.

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