Serie zum BürgerforumTeil2: Zeltbett zwischen Humboldt und Daimler

Lesedauer: 14 Min
Campingplätze sind im Urlaub schön. Wer hier in Wohnwagen oder gar Zelt leben muss, weil er im Ort studiert und keine Wohnung be (Foto: Ralf Schäfer)
Schwäbische Zeitung

„Hochschulstadt Friedrichshafen: Chancen und Herausforderungen“ – so lautet der Titel des Offenen Bürgerforums, zu dem Zeppelin Universität, Duale Hochschule Baden-Württemberg und die Stadt am Mittwoch, 28. November, ab 18 Uhr ins Graf-Zeppelin-Gymnasium einladen. In vier Workshops diskutieren alle Teilnehmer über die Wohnsituation für Studenten, das Nachtleben am See, die Wünsche der hiesigen Wirtschaft an die Unis und die Jobchancen für Absolventen nach dem Studium in Friedrichshafen sowie über die spannende Frage, welche Kosten das Thema Hochschule in FN verursacht und ob der Nutzen, den die Stadt aus beiden Einrichtungen zieht, dazu im richtigen Verhältnis steht.

Die Serie: Diese vier Themenblöcke werden von der Schwäbischen Zeitung mit einem Artikel und jeweils unterschiedlichen Impuls-Beiträgen vorgestellt. Diese Beiträge sollen die Diskussion anregen.

Anmeldungen zu der Veranstaltung sind möglich im Internet unter www.zu.de/veranstaltungen, telefonisch unter 0 75 41 / 6009-2192 oder per E-Mail: bernhard.resch@zu.de. Der Eintritt ist frei. Ab 20.45 Uhr lädt die ZUG zu einem Apéro.

Mit der Bestätigung, an der Zeppelin Universität einen Studienplatz bekommen zu haben, flatterte *** und Alexander Schilin auch gleich der Hinweis auf den Tisch, dass es in Friedrichshafen nicht ganz so einfach sei, eine Wohnung zu finden. Die beiden waren glücklich und besorgt zugleich. Rund fünf Wochen hatten sie Zeit, sich bis zum Semesterstart eine Wohnung zu suchen. Die ZU lieferte dazu Listen mit, auf denen Wohnungen vermerkt waren, auf denen Anschriften von Vermietern notiert waren und mit denen sich die beiden zusätzlich zur Beobachtung des ganz normalen Wohnungsmarktes auf die Suche machten.

Ganz normal aber kann der Wohnungsmarkt in dieser Stadt nicht sein. Entweder waren die Wohnungen und Zimmer bereits vergeben oder der Eintrag auf der Liste war längst überholt. Über die üblichen Inserate und Internet-Foren gab es auch nichts und der Termin der ersten Vorlesung rückte näher.

„Zum Glück hatte meine Mutter auf dem Speicher noch ein Zwei-Personen-Zelt. Das haben wir uns dann genommen und sind auf den Fischbacher Campingplatz gezogen“, erzählt Alexander. Die räumliche Enge stellte nicht das Problem dar für die beiden, sie sind ein Paar, das von der Mannheimer Uni nach Friedrichshafen an den See wollte um hier weiter zu studieren. In einem Zweimannzelt aber einen Schreibtisch unterzubringen ist dann schon eher problematisch.

„Gelernt haben wir in der Uni. In der Bibliothek haben wir gearbeitet und nur zum Schlafen sind wir ins Zelt gekrochen. Die vorgebliche Romantik hat aber auch da ein jähes Ende, wenn das Wetter sich ändert und aus einem Sommer ein Herbst und ein kalter nasser Oktober wird. Irgendwann hatten Mitstudenten Mitleid und haben die beiden „auf der Couch“ schlafen lassen. Und irgendwann haben sie dann auch zwei zwar getrennte, aber eben bezugsfähige Zimmer bekommen.

Das Abenteuer ging jedoch weiter. In der einen Wohnung musste von Grund auf renoviert werden, Risse in der Wand brauchten dringend Füllspachtel und Tapeten gab es samt Farbe im Baumarkt. Für die Renovierung haben die Studenten einen Monat mietfrei gewohnt, hatten aber auch eine Baustelle um sich herum. Anschließend kosteten 14 Quadratmeter 400 Euro. „Das sind ganz normale Preise“, sagt Alexander, der von anderen Studenten noch heftigere Umstände kennt.

An der Uni gibt es eine Wohnungsbörse, bei der Vermieter gebeten werden, sich zu melden, wenn sie Wohnungen oder Zimmer zur Verfügung haben. Für Notfälle kann man dort auch Wohnraum anbieten. Und eine studentische Hilfskraft kümmert sich mittlerweile um diese Notfälle, die keine Einzelschicksale sind, sondern sich mehren. Zehn Studenten haben den Beginn ihres Semesters in Campingplatzidylle verbracht.

Aktionen, um auf diese Zustände hinzuweisen, gibt es seitens der Studenten nur vereinzelt, wie das Zelt auf dem Dach der Uni als Alternative für wohnungslose Studenten, das dort allerdings nur beim Sommerfest stand. Die Lage ist für die Studenten der Dualen Hochschule ähnlich, nicht jedoch genauso dramatisch, weil die Zeit für die Wohnungssuche dort in der Regel länger ist und hinter jedem Studenten auch ein Unternehmen steckt.

Das Thema Wohnungsnot ist nicht nur an der ZU ein solches, auch die Duale Hochschule führt Listen, die begehrt sind. „Bei uns ist das alles aber noch komplizierter, weil die meisten Studenten nur drei Monate hier leben, danach in den Betrieben sind. Uns kommt entgegen, dass wir gerade in der Zeit da sind, wenn die Ferienwohnungen alle nicht gebraucht werden“, sagt DHBW-Student Giuseppe Celentano.

Wohnen in einem Studentenwohnheim ist in Friedrichshafen nur im Fallenbrunnen möglich.

Dort hat das Studentenwerk Seezeit eine Anlage gebaut, in der knapp 200 Bettplätze existieren.

Aufgeteilt sind diese in 5er-, 4er- und 2er-Wohngemeinschaften. Dazu kommen Einzel-Appartements und Doppel-Appartements für Pärchen oder Alleinnutzung.

Die Zimmer sind grundmöbliert. Wohngemeinschaften: Einbauküche, Appartements: Pantryküche. Internet-Anschluss in jedem Zimmer, TV-Anschluss in jedem Zimmer, Waschmaschine /Trockner in separatem Waschraum, Autostellplätze (nur oberirdisch).

In jedem Zimmer/Appartement besteht die Möglichkeit, einen Internet-Anschluss zu nutzen (Extrakosten hieraus entstehen nicht. Es besteht jedoch kein Anspruch auf ständige Verfügbarkeit).

Der Mietpreis beträgt 245 bis 420 Euro je Bettplatz Warmmiete inklusiv Nebenkosten. Umgerechnet sind das 360 Euro für rund 20 Quadratmeter Einzel-Appartement oder rund 340 Euro für ein 21 Quadratmeter großes WG-Zimmer.

Derzeit gibt es keine weiteren Überlegungen der Seezeit, ein Wohnheim zu bauen oder zu betreiben, da die Warteliste im vorhandenen Haus „verschwindend klein ist“, wie Klaus-Dieter Schumacher von der Seezeit sagt. Er sieht das Wohnproblem als temporäres, nicht als dauerhaftes.

Nora Schäfer, studentische Vizepräsidentin der Zeppelin Universität:

Liebe Vermieter, Liebe Nachbarn, wir geben es zu: Wir sind vielleicht nicht die ruhigsten und unauffälligsten Mieter. Natürlich sind wir Studenten manchmal laut und vergessen gelegentlich die Kehrwoche. Im Gegenzug bekommt man von uns umsonst die neuste Musik aus der Hauptstadt und wird zu Gottschalk in die Bürgeruni geschmuggelt. Wussten Sie, dass Ihre Studenten 2011 die Weltrangliste von Formula Student, der studentischen Formel 1 anführten? In diesem Jahr haben ZU und DHBW die 1000 Studierenden-Marke geknackt. Friedrichshafen mausert sich zur Studentenstadt. Der Wohnungsmarkt ist leider weniger attraktiv. Die Wohnungsnot macht anspruchslos: Camping-Plätze, fensterlose neun Quadratmeter-Nischen, Dauergast bei Freunden auf der Couch. Der Wohnungsmarkt scheint leergefegt. Wer doch eine Wohnung ergattern kann, muss häufig schlucken bei den Preisen, die man eher aus der Münchner Innenstadt kennt, obwohl die Glücklichsten sogar Seeblick erwischt haben. Wer ein Zimmer unter 400 Euro findet, zieht neidische Blicke auf sich, besonders im September, wenn plötzlich knapp 800 „Erstis“ in ihr neues Leben in der ersten eigenen Wohnung starten wollen. Das Wohnheim am Fallenbrunnen wirkt wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Stellt man sein Zimmer bei wg-gesucht.de ein, hat man sofort 20 Anfragen im Postfach. Im Winter entspannt sich die Lage meistens, da die Ferienwohnungen frei werden, aber im Sommer geht der Kampf um die Schlafplätze wieder los. Der Mangel an günstigem Wohnraum betrifft im übrigen nicht nur Studenten von DHBW und ZU, sondern betrifft Zuziehende ohne Vermögen generell. Wir brauchen schleunigst eine Lösung: Ob Wohngemeinschaften von Jung und Alt, Investoren in Studentenwohnheime - wir sind für jedes Entgegenkommen dankbar und erledigen auch die Einkäufe oder verwalten unsere Heime selber. Und eigentlich wissen wir ja, dass leise Musik und Kehrwoche das Zusammenleben vereinfacht. Manchmal lockt aber die Couch oder wir haben keine Alternative zur Party bei uns zuhause. Das aber ist ein anderes Thema. Mir bleibt nur zu sagen: Auf gute Nachbarschaft! Da kommen mit Sicherheit noch mehr von uns.

Paul Stampfer, Geschäftsführer der Städtischen Wohnbaugesellschaft

Mit einem Wohnungsbestand von rund 1100 Wohnungen versucht die SWG in Friedrichshafen dem hohen Nachfragedruck auf preisgünstige Wohnungen entgegenzuwirken. Dabei sind es die sozial und wirtschaftlich schwächeren Haushalte, um die sich die SWG zu kümmern hat, weil diese – anders als andere Nachfragegruppen – sich eben nicht aus eigener Kraft mit angemessenem Wohnraum versorgen können. Wenn nun unsere Studenten in Friedrichshafen eine günstige Wohnung suchen, stehen sie fast immer in Konkurrenz zu kinderreichen Familien oder Alleinerziehenden, Haushaltsgründern oder alleinstehenden Rentnern und Rentnerinnen. Eine Bevorzugung der studentischen Nachfrage bei der Wohnungsvergabe ist da nicht zu rechtfertigen. Und sie ist auch nicht notwendig, denn die allermeisten Studenten scheinen doch auf dem freien Wohnungsmarkt fündig zu werden. So ist die Zahl der von Studenten angemieteten Appartements und Wohnungen bei der SWG in den letzten Jahren rückläufig, wohl auch als Folge des Wohnheims im Fallenbrunnen. Seit 2005 haben rund 120 Studenten in Wohnungen der SWG zumindest vorübergehend ein Zuhause gefunden. Aktuell sind 12 Wohnungen an Studenten und Studenten-WGs vermietet. Dabei gestalten sich die Mietverhältnisse mit den Studenten im Regelfall nicht wesentlich anders als mit anderen Mietern. Wenn überhaupt, sind es einzelne Studenten-WGs, bei denen nächtliche Parties gelegentlich auf das Unverständnis der übrigen Hausbewohner stoßen, vor allem wenn für diese morgens um fünf die Frühschicht bei der ZF beginnt. Dass die Kehrwoche auch während der Semesterferien zu erledigen ist und die Aufnahme neuer WG-Bewohner dem Vermieter zumindest angezeigt werden muss, wissen auch unsere Studenten. Aber wer will es ihnen verdenken, wenn sie sich in der wahrscheinlich schönsten Zeit ihres Lebens nicht unbedingt mit der Einhaltung mietvertraglicher Nebenpflichten befassen wollen. Früher haben Studenten Häuser besetzt, heute „vergessen“ sie die Kehrwoche! Als verständnisvoller Vermieter können wir mit solchen Erscheinungen umgehen – und freuen uns, auch in Zukunft die eine oder andere Wohnung an Studenten zu vermieten.

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