Gunnar Flotow
Redakteur
Gunnar M. Flotow

Ende der 70er-Jahre, montags, 1. Stunde, Deutsch, an einem Häfler Gymnasium: Aufgeregt berichtet der Fünftklässler vor der Klasse von seinen Abenteuern, die er am Wochenende auf einer Baustelle erlebt hat. Irgendwann rutscht ihm ein fatales Wort heraus: „Dreckbolle.“ Innerhalb von zwei Sekunden springt der Lehrer hinter dem Pult hervor, baut sich vor dem Zehnjährigen auf und fragt: „Dreckbolle? Würdest Du bitte der Isabel erklären, was ein Dreckbolle ist???“ Während alles lacht, würde der eben noch fröhliche Erzähler am liebsten im Erdboden versinken. Isabel ist erst vor ein paar Monaten aus Norddeutschland an den Bodensee gezogen. Sie weiß natürlich, was ein Dreckbolle ist, aber darum ging’s auch nicht. Vielmehr ging es dem Lehrer um Sprachhygiene in seinem Deutschunterricht. Und um die durchzusetzen, schreckte er auch nicht davor zurück, einen Schüler, der im Unterricht Schwäbisch g’schwätzt hatte, genüsslich vorzuführen.

Ob das Schwäbisch-Verbot damals offizielle Doktrin war oder nur vom Deutschlehrer erlassen, weiß nach mehr als 30 Jahren keiner mehr so genau. Heutzutage braucht sich jedenfalls an den Häfler Gymnasien keiner mehr zu fürchten, wenn ihm ein schwäbischer Begriff über die Lippen rutscht. Aber das passiert sowieso nur noch selten. „Es gibt bei uns kaum Schüler, die Schwäbisch sprechen“, sagt Karin Nimmerrichter, Lehrerin am Graf-Zeppelin-Gymnasium. „Die meisten sprechen so eine Art Quasihochdeutsch.“ Wenn jemand trotzdem Mundart spreche, werde dies nicht geächtet und auch nicht geahndet. Karin Nimmerrichter ist überzeugt, dass die Schüler „je nach Kontext zwischen Dialekt und Hochdeutsch umschalten können“.

Wer könnte, dürfte auch

Und wie sieht’s bei den jüngsten Schülern aus? Dürfen die Schwäbisch schwätze? „Sie dürfen, sofern sie können“, berichtet Jutta Biggel, Lehrerin an der Grundschule Kluftern. Sie hat ähnliche Erfahrungen wie die Kollegin Nimmerrichter gemacht und stellt fest, dass die ganz große Mehrheit ihrer Schüler Mundart versteht, aber die Standardsprache spricht. Maximal sei sie ein wenig eingefärbt, zum Beispiel bei der Buchstabenkombination s und t. „Wenn ein Kind ,Wurscht‘, ,Durscht‘ oder ,Fenschter‘ sagt, weisen wir natürlich darauf hin, dass man das auch anders aussprechen kann“, verrät Jutta Biggel. „Aber es wird natürlich niemand gemobbt oder ausgelacht.“ Um den Kindern bewusst zu machen, dass es neben der durch Medien vertrauten Standardsprache auch eine Mundart gibt, ließ sie einmal ein schwäbisches Nikolausgedicht lernen. Ihre Erfahrung: „Einige Schüler waren befremdet, andere haben sich kaputtgelacht.“ Jutta Biggel ist überzeugt, dass der Dialekt dafür sorgt, dass ähnliche Strukturen im Gehirn angelegt werden, wie wenn die Kinder in echter Zweisprachigkeit aufwachsen.

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