Robert Schneider (links) und Franz Hoben im literarischen Gespräch. Der Abend im Kiesel könnte der Beginn einer wunderbaren Idee
Robert Schneider (links) und Franz Hoben im literarischen Gespräch. Der Abend im Kiesel könnte der Beginn einer wunderbaren Idee sein, ältere Bücher neu zu lesen. Schneider ist kein Autor, der antichambriert, wie er selbst sagt. (Foto: Gudrun Schäfer-Burmeister)
Gudrun Schäfer-Burmeister

„Ich schreibe nicht, wenn es keine innere Notwendigkeit ergibt“, antwortet Robert Schneider auf die Frage Franz Hobens, warum er seit 2007 keine Romane mehr veröffentlicht habe. Der Autor ist 1992 mit „Schlafes Bruder“ bekannt geworden.

„Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.“ Mit diesem Satz beginnt das Buch, das seinem Autor zunächst 24 Absagen von Verlagen brachte, bis Reclam in Leipzig den Mut hatte, das außergewöhnliche, stark vorarlbergisch geprägte Sprach-, Denk- und Herzwerk zu publizieren. Über das, was in den Jahren danach folgte, sprach Robert Schneider am Montagabend im Kiesel mit dem stellvertretenden Leiter des Häfler Kulturbüros Franz Hoben.

Die Spannweite zwischen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen, Ruhmesbaden und Rückzug ist groß im Leben und Schaffen des 56-Jährigen. Seine Kindheit in Götzis bezeichnet er als unglaublich schönes Aufwachsen, geprägt vom „Glück, dass die Zieheltern mich in Ruhe gelassen haben.“ Dort, wo er als eines von vier Adoptivkindern heranwuchs, lebt er heute mit seiner Frau und den drei Kindern. „Meine Frau schafft das Essen ran, ich bleibe daheim bei den Buben“, beschreibt er sein Leben als Hausmann. „Früher wollte ich nur raus aus dem Dorf“, sagt Schneider, „heute nur bleiben. Ich tue alles dafür, mich nicht zu bewegen.“

Jetzt gehört dir die Welt

Der dörflichen Enge, die nicht duldete, wenn jemand anders war, entfloh er zum Studium der Komposition nach Wien. Doch sein Talent sei nicht ausreichend gewesen und so brach er das Studium ab, um Schriftsteller zu werden, denn „Sprache war für mich auch immer Klang.“ Erst habe er Theaterstücke geschrieben und sich dann an einem Roman versucht, doch „Gegenliebe“ wurde nicht publiziert. „Schlafes Bruder“ schrieb er 1989 innerhalb von zwei Monaten, „wie in einem Rausch.“ Dabei sei er vom Erfolg von Anfang an überzeugt gewesen: „das ist schon irgendwie (dabei richtet er den Blick nach oben) geführt worden.“ Doch den Kritikern gegenüber sei er nicht bescheiden genug aufgetreten. „Ich war so ein junger, stolzer Dichter, dachte: Jetzt gehört dir die Welt!“

Die Geschichte ist eng an Schneiders Biografie und damit an Vorarlberg gebunden. „Ich bin auch dieses Buch, hab mich sehr gründlich auf die Figuren verteilt.“ Viele Dialektismen kommen darin vor, Gründe für die Bedenken der ablehnenden Verleger. Seinen Erfolg verdanke das Buch den Verlagsvertretern und den Lesern, nicht den Kritikern. 1995 wurde „Schlafes Bruder“ von Joseph Vilsmaier verfilmt. „Die wirkliche Kohle hat der Film gebracht“, sagte Schneider. Außerdem diente der Roman als Vorlage für Opern- und Ballettinszenierungen, wurde 1,8 Millionen mal verkauft und in 36 Sprachen übersetzt. Fünf weitere Romane Schneiders wurden veröffentlicht, mit denen er jedoch nicht an den Erfolg seines Erstlings anknüpfen konnte. Am schlimmsten von allen Kritikern verrissen worden sei „Die Luftgängerin“ von 1998, da habe er zu viel gewollt: „Oh, das hat gebrannt, das hat wehgetan.“ 2007 erschien „Die Offenbarung“ als sein vorläufig letzter Roman. Seither habe er nicht mehr die Notwendigkeit gehabt, „seit vielen Jahren spricht Gott nicht mehr in dieser Form zu mir.“

Gegenwärtig ist der Hausmann unter die Filmemacher gegangen und gelegentlich schreibt er Kolumnen. Im „Kiesel“ las er aus „Schlafes Bruder“ und aus einem unveröffentlichten Essay, „Einsprengsel in die Musik von Bachs h-Moll-Messe.“ Ruhig, selbstbewusst und demütig wirkt er, wenn er wiederholt: „Mütterlicher Vater, lass mich heimkommen zu dir.“ Für Franz Hoben war dieser Abend auch ein Test, ob es interessant sein könnte, einmal im Jahr eine Lesung aus einem vor vielen Jahren erschienenen Buch unter dem Motto „neu gelesen“ anzubieten. Die große Publikumsresonanz spricht dafür: Der „Kiesel“ war ausverkauft.

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