Schwäbische Zeitung
Tanja Große-Erwig

Zurücklehnen und zuschauen ist beim Klassenzimmertheater nicht drin: Julian Härtner vom Jungen Theater Konstanz hat Karen Köhlers Stück „Deine Helden, Meine Träume“ am Montag an die Häfler Droste-Hülshoff-Schule gebracht. Indem er die Zwölftklässler aus dem Wahlfach „Literatur und Theater“ ins Spiel einbezogen hat, hat er die Geschichte um seine Figur Jonas vorangetrieben.

Für die Droste-Hülshoff-Schüler war es eine Premiere: Erstmals erlebten sie eine Theatervorstellung im eigenen Klassenzimmer. Bei „Deine Helden, meine Träume“ geht es um Freundschaft, Identität, Zukunftsängste und Rechtsradikalismus. „Das Thema ist sehr wichtig und aktuell“, lautete das Urteil von Schülerin Hilal Ince. Gleich zu Beginn setzte sich Härtner mitten zwischen die Jugendlichen. Er stellte ihnen Fragen, schickte sie zum Platzwechsel durch den Raum oder ließ sie in die Rolle einer Figur schlüpfen. Das kam bei den Schülern gut an. Ein Konzept, das auch zum Wahlfach „Literatur und Theater“ passt: „Wir wollen selbst spielen anstatt nur zu lesen“, erklärte Kursleiter Stefan Hener.

Sehnsucht nach Akzeptanz

In Interaktion mit den Schülern entstand also die Geschichte von Jonas, der mit schlechtem Gewissen auf seine Vergangenheit zurückblickt. Damals wäre er gern ein Superheld gewesen, um der Gewalt und Vernachlässigung zu Hause zu entkommen. Als er mit dem Boxen anfing, traf er den Ausländer Mo, der sein bester Freund wurde. Bis sich Jonas in Jessica verliebte. Um ihr näher zu kommen, freundete er sich mit ihrem großen Bruder Heiko an und begleitete ihn zu heimlichen Konzerten und Lagerfeuerabenden. So wurde er Teil einer Gemeinschaft, die zwar oft schlecht über Ausländer sprach, ihm jedoch endlich das Gefühl gab, dazuzugehören. Als Jessica mit Mo ausging, ließ sich Jonas voller Wut bei Heiko darüber aus. Am nächsten Tag wurde Mo brutal verprügelt. Erst in letzter Sekunde ging Jonas dazwischen, aber da war es schon zu spät.

Bei der anschließenden Gesprächsrunde will der Konstanzer Theaterpädagoge Philipp Teich von den Schüler wissen, wann sie sich an Jonas’ Stelle anders verhalten hätten. Die Schüler begannen zu diskutieren und ihnen wurde schnell klar, wie schwer es ist, Grenzen zu ziehen und wie schnell man unbeabsichtigt in etwas hineingeraten kann: „An irgendeinem Punkt verselbstständigt sich das Ganze einfach und man wird zur Marionette,“ mutmaßte eine Schülerin. Ein anderer meinte: „Es konnte doch erst soweit kommen, weil Jonas zu Hause weder ein Vorbild noch Rückhalt hatte.“ Jonas hätte an mehreren Stellen etwas merken müssen, schon als die nationalsozialistischen Lieder am See gesungen wurden, gab Jungschauspieler Julian Härtner zu bedenken: „Er hat nie was hinterfragt.“

Mit dem Klassenzimmertheaterstück will das Junge Theater Konstanz Schüler zum Nachdenken anregen, wie Theaterpädagogik-Assistentin Olivia Helmlinger erläuterte. Deshalb wählte das Theater bewusst ein offenes Ende. Eine Strategie, die an der Droste-Hülshoff-Schule aufging: Den Schülern hat das Stück sehr gefallen, insbesondere die direkte Interaktion und Spontanität kamen gut an. „Ich fand das Stück richtig genial“, schwärmte Hilal Ince. „Man wurde direkt angesprochen, ganz anders als auf der Bühne.“ Sie hat selbst ausländische Wurzeln und weiß, wie schnell man im Freundeskreis zwischen die Fronten geraten könne. Hanna Brock gefiel vor allem der Blick in den Kopf des Mitläufers Jonas. „Die andere Perspektive war genial. So sieht man mal, dass die Person dahinter eigentlich keine bösen Absichten hatte, und es realer ist, als man vielleicht denkt“, sagte die Schülerin.

Mehr Infos zum Klassenzimmertheater des Jungen Theaters Konstanz gibt’s unter

www.jungestheaterkonstanz.de

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