Gudrun Schäfer-Burmeister

Auch 80 Jahre nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen markiert der 1. September 1939 noch immer eine Zäsur, die in weiten Teilen der Welt der Auftakt für Unglück, Verwüstung und millionenfaches Sterben darstellte. Die Zerstörungen dieses großen Krieges, der als Zweiter Weltkrieg nummeriert wird, sind von menschlichem Leid begleitet, das noch heute in vielen Familien nachwirkt und damit auch über sein Ende 1945 hinaus Folgen zeitigt. Jährlich wird an diesen Weltkriegstag erinnert, indem er mit informierenden und mahnenden Gedenkveranstaltungen als Antikriegs- und Weltfriedenstag begangen wird.

Am Sonntagnachmittag folgten in Friedrichshafen gut 100 Menschen der Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), an einem einstündigen Gedenkstättenrundgang zur Rolle Friedrichshafens im Nationalsozialismus teilzunehmen. Mitveranstalter waren die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK), die Partei „Die Linke“, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die katholische Betriebsseelsorge, Pax Christi, Verdi, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und der Verein Friedensregion Bodensee.

Vor dem Zeppelin-Museum hielt Stadtarchivar Jürgen Oellers seinen ersten Kurzvortrag. Thema war die Rolle der Industrie Friedrichshafens im Zweiten Weltkrieg. Die Unternehmen Maybach, ZF, Dornier und Luftschiffbau Zeppelin waren kriegswichtig; beispielsweise lieferte Maybach 90 Prozent der Panzermotoren, ZF 100 Prozent der Panzergetriebe. Bereits seit 1933 seien die Betriebe an der Rüstung beteiligt gewesen, mit wachsendem wirtschaftlichen Erfolg. Hugo Eckener, ab 1929 Bevollmächtigter des Zeppelin-Konzerns, dem es oblag, den Konzern durch die dunklen Jahre der NS-Zeit zu führen, so Oellers, sei zumindest zwiespältig und sich dessen bewusst gewesen. Eckener habe sich beispielsweise abfällig über das Anbringen des NS-Hakenkreuzzeichens an Luftschiffen geäußert, die zu Werbezwecken für Nazi-Deutschland eingesetzt wurden. Flugzeuge aus Friedrichshafen wurden 1937 und 1938 bei Bombardements in Spanien getestet und verhalfen Franco zur Diktatur. 1939 wurden sie bei den Luftangriffen auf Polen eingesetzt.

Die Betriebe konnten der Nachfrage nach Rüstungsgütern kaum nachkommen, insbesondere, nachdem die Arbeiter als Soldaten eingezogen worden waren. In Friedrichshafen wurden sie nicht von „Werksfrauen“ ersetzt, ein Begriff, der laut Oellers Propaganda war, um die Frauen stillzuhalten, sondern von Zwangsarbeitern aus Polen, Frankreich, Belgien, Holland, der Sowjetunion, Jugoslawien, Norwegen und Italien. Die Industrieproduktion wurde „bis zum letzten Gefecht“, wie es damals hieß, aufrechterhalten und war der Grund für die Zerstörung der Stadt durch die Luftangriffe 1944.

Der zweite Halt des Rundgangs war vor dem Rathaus und galt der Rolle der Politik. Auch hier zeigte Oellers historische Fotos und berichtete beispielsweise vom Einzug der Flakkaserne 1937: „Jedem, der wusste, was eine Flakkaserne war, müsste klar gewesen sein, wohin die Entwicklung geht.“

Bürgermeister abgesetzt

1934 wurde Bürgermeister Hans Schnitzler, der versucht hatte, sich den Machthabern entgegenzustellen, von der NSDAP abgesetzt. Sein Nachfolger wurde Walter Bärlin, der erst 1933 Parteimitglied geworden war und damit seine einzige Karrierechance genutzt habe. Tonangebend sei Kreisleiter Johannes Seibold gewesen, der „die NS-Sache hundertprozentig bewerkstelligte“. Das erste Kreishaus Baden-Württembergs stand ab 1940 in Friedrichshafen in der Charlottenstraße, heute dient es als Technisches Rathaus. Oellers betonte, dass dieser Krieg die ganze Welt verrückt gemacht und ganz Europa in Schutt und Asche gelegt habe. „Das war einmal und darf sich nie wiederholen.“

Die dritte Station am Antoniusbrunnen widmete sich dem Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Lilo Rademacher erinnerte an Fridolin Endraß und Lilo Hermann, die für ihre Überzeugungen mit dem Leben bezahlen mussten und hingerichtet wurden.

Begleitet wurde der Rundgang nicht nur von Plakaten und Transparenten, mit denen auf die gegenwärtigen Kriegsgefahren und Rüstungsfirmen hingewiesen wurde. Mit klassischer Musik untermalte die Gruppe „Lebenslaute süd“ das Ziel und den Wunsch, die Seeegion zu einer Friedensregion zu machen.

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