„Grimminell“ wird am Mittwoch, 27. Juni, um 20 Uhr im Kiesel erneut aufgeführt. Der Eintritt kostet 3 Euro, Karten gibt es an der Abendkasse.

Der Prinz steht auf dem Golfrasen und ist im Begriff, einen des Weges rollenden Busen einzulochen. Moment mal: Da rollt ein Busen? Ganz recht: eine der falschen Brüste seiner Mutter, der Königin. Sie ist dem Schönheitswahn verfallen. Für die idealen Kurven verkauft sie sogar den eigenen Sohn an eine Hexe. Und so nimmt dieses Märchen seinen Lauf.

Es hört auf den Titel „Grimminell“ und ist die neue Eigenproduktion des Theaterclubs 16+. Unter Leitung von Angelika Wagner verlegen ein Dutzend junge Leute im Alter von 16 bis 18 Jahren die Märchen der Brüder Grimm in die Gegenwart. Motive aus „Schneewittchen“, „Rotkäppchen“, „Der gestiefelte Kater“ und „Rumpelstilzchen“ werden zu einer unglaublich komischen und dramaturgisch ausgefeilten Geschichte verflochten.

Da werden die alten Rollenbilder schon mal auf aktuellen Stand gebracht. Hier wird keine Prinzessin mehr verschachtert, sondern ein Prinz, den Mutti an die Kette legt. Und dieser Königin gilt als Schönheitsorakel auch nicht mehr das Spieglein, Spieglein an der Wand, sondern ihr Selfie-Handy. Wenn diese Königin nicht der wahre Albtraum ist: eine auf ewige Jugend getrimmte Helikopter-Mutter, die es nicht duldet, dass der Sohnemann sich abnabelt.

Schneewittchen zwischen Heidi Klum und Stefanie Hertel

Schneewittchen wiederum ist märchenhaft erblondet und wirkt so sauber-sittsam wie Stefanie Hertel aus dem Schlagerland. Aber es ist auch eine Menge Heidi Klum in ihr: Die Rettung des Prinzen macht eine List erforderlich und so bittet sie ihre Zwerge zum Supermodel-Kurs, um sie zu Prinzessinnen zu stylen. Da sind Anfängerfehler unvermeidbar. „ Brust rein, Bauch raus!“, skandieren die Zwerge. „Nein, umgekehrt!“, moniert Schneewittchen. - „Bauch raus, Brust rein!“, versuchen’s die Zwerge erneut. Naja; wenigstens sind sie im Hiphop-Tanz topfit.

Rotkäppchen bringt der Großmutter keine Flasche Wein mehr, wie früher, sondern Rotkäppchen-Sekt aus der eigenen Manufaktur. Die Großmutter von heute ist ja auch das Rotkäppchen von damals, und ihre kesse Enkelin geht mit der Zeit. Letzteres gilt nicht für die Sprache dieser Aufführung: Sie ist in reife Reime gegossen, zuvorderst wenn die Brüder Grimm selbst zu Wort kommen. Sie wollen mit diesem Märchen ihr Meisterwerk vorlegen: „ Nach einhundertachtzigtausend Sonnen / sind wir nun endlich zurückgekommen. Wir verfassen unsere letzten Zeilen. / Allumfassend, grandios, in Ihrem Gedächtnis verweilend.“ Nur wie das Opus Magnum ausfallen soll, da liegen sich die Brüder in den Haaren: politisch korrekt oder als saftige Schnurre?

Im Fall der skurrilen Hexe ist die Sache klar: Optisch haut das androgyne Wesen im Rock aufs Auge, das durchgedrehte Lachen setzt noch eins obendrauf und der wohl berühmteste Vers der Märchengeschichte wird markig abgewandelt: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich gar nicht hexen kann, so’n Scheiß.“ Für mehr als eine Überraschung ist schließlich die Großmutter gut, also das in die Jahre gekommene Rotkäppchen: Sie tanzt so leichtfüßig wie Mary Poppins im Schwebeflug, zuletzt löst sich ihre Leibesfülle in Luft auf und es siegt das Wahre, Gute und Schöne. Immerhin darin hat sich der politisch korrekte Grimm-Bruder durchgesetzt; wenn auch nicht ganz in der Wortwahl. Denn wie lauten die letzten Aussprüche dreier zentraler Figuren? -„Ich bin jung!“ - „Ich bin frei!“ - „Und ich bin am Arsch.“

„Grimminell“ wird am Mittwoch, 27. Juni, um 20 Uhr im Kiesel erneut aufgeführt. Der Eintritt kostet 3 Euro, Karten gibt es an der Abendkasse.

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