Sally Greenfield mit einem ihrer Wegbegleiter: Bernhard Wiesner.
Sally Greenfield mit einem ihrer Wegbegleiter: Bernhard Wiesner. (Foto: Harald Ruppert)

Sally Greenfield ist glücklich und dabei sieht sie noch nicht einmal erschöpft aus. Dabei stand sie fünf Stunden lang auf der Bühne und hat ihr drei Jahrzehnte währendes Leben als Country- und Bluesgrass-Musikern Revue passieren lassen.

Das ausverkaufte Konzert, veranstaltet vom Kulturverein Caserne im Theater Atrium, ist dabei ein Treffen von Freunden und Weggefährten. Am Ende stehen neun Musiker auf der Bühne, und weit über ein Dutzend haben mit Sally musiziert – an Banjo und Geige, Kontrabässen und akustischen Gitarren, Flöte, Bouzouki und Mandoline. Nicht zu vergessen die immer neuen Stimmkombinationen, die sich zu wunderbaren Harmoniegesängen verbinden.

„Dieses Konzert wird es so wohl kein zweites Mal geben“, sagt Sally. Wochenlang hat sie mit den verschiedenen Besetzungen das teils weit in der Vergangenheit liegende Repertoire neu eingeprobt – etwa mit Bernhard Wiesner, mit dem sie das Greenfields-Duo bildet. Mit dem Driftwood-Trio und der Driftwood-Band steht sie auf der Bühne, sie ergänzt das Duo Horse Mountian mit Gesang und Gitarre, und als Gleiche unter Gleichen in ihrer aktuellen Band More Or Less beschließt sie den Abend.

Mit sich im Reinen

Vor einigen Jahren hatte die gebürtige Häflerin die Gitarre eigentlich an den Nagel gehängt. Wie gut, dass sie nun wieder in die Saiten greift. Das demonstriert Sally gleich zum Auftakt. Allein steht sie auf der Bühne, mit Songs, die ihr ans Herz gewachsen sind. „Do you think it’s wise to be cursing the cloudy skies?“, fragt sie, eingetaucht in die Liedermacherwelt des Amerikaners Dan Fogelberg, und wirkt mit sich im Reinen. Tragend weit und sorgenvoll wird ihr Gesang in „Sequoyah“, einem Song, der von unserem umweltschädigenden Lebensstil erzählt. „My Angeline“ gewinnt schließlich eine sanfte Fröhlichkeit, die weit entfernt ist von den vielen kraftvollen Versionen zahlreicher Bluegrass-Bands.

Dass es ihr an Energie nicht fehlt, zeigt Sally an vielen Stellen allerdings ebenfalls. Zum Beispiel als Mitglied von More Or Less mit der Bluegrass-Version des Doobie Brothers-Hits „Listen to the Msic“, bei dem Banjo und Bouzouki perkussiv um die Wette spielen. Nein, ein Schlagzeug braucht Bluegrass wirklich nicht, dieser so urwüchsig klingende Folklorestil, der erst in den 1930er Jahren entwickelt wurde, vom experimentierfreudigen Mandolinisten Bill Monroe. Und fast scheint es bei diesem Konzert, als könne man aus jedem beliebigen Stück einen Bluegrass-Song machen. So etwa aus dem Schlager „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ oder dem Titelsong des Musicals „Cabaret“.

Was durch den ganzen Abend trägt, ist Sallys bruchlose und tief beseelte Stimme. Dabei besteht sie Herausforderungen, wie im Song „The Ballad of Sally Rose“, denn das stammt von der großen Emmylou Harris. Sally singt dieses Lied mit müheloser Spannkraft, einer Spur von Tremolo und leicht angeraut. Im Ganzen nah am Original, aber mit ureigener Ausdruckskraft. „Das ist eines der ersten Lieder, die ich gelernt habe“, sagt sie danach. Spannkraft ist vor allem bei Bluegrass angesagt – wer je Rose Maddox gehört hat, weiß das – aber Sally Greenfield verliert darüber nicht die weichen, gemütvollen Anklänge. Vergleicht man einen Song mit einem Pferd, dann kriegt Sally es fertig, ihm die Sporen zu geben und zugleich die Nüstern zu streicheln.

Lieder mit und ohne Sporen

Am schönsten sind aber die Momente, in denen die Sporen von den Stiefeln fallen: Besänftigend wie ein Wiegenlied singt Sally mit dem Driftwood-Trio „Who will watch the home place“; ein Lied über die Vergänglichkeit, ein bittersüßes Sinnieren über die vertrauten Orte und Dinge, die nach dem Tod zurückbleiben werden. „Who will fill my empty place when I am gone from here?“, fragt Sally hier. Wieder einmal steckt in ihrer Stimme das ganze Leben.

Dass Sally Greenfield sich ein zweites Mal von der Musik verabschieden wird, ist nicht zu befürchten. Als Mitglied von More Or Less fühlt sie sich gerade in der stilistischen Vielfalt wohl. Tom Waits, Gerry Rafferty, Carole King oder Linda Ronstadt – Sally erspielt sich eine neue Vielfalt, ohne die eigene Handschrift einzubüßen. Nach fünf Stunden endet im Atrium eine Familientreffen, bei dem das Publikum Sally bis zuletzt die Treue hält. Auch das sagt etwas über ihre Qualitäten und die der Bands an ihrer Seite aus.

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