Rolls-Royce Power Systems meldet eine enorme Nachfrage nach Notstromaggregaten

 Ein MTU-Notstromaggregat wird für die Installation in einem Londoner Hochhaus per Kran transportiert.
Ein MTU-Notstromaggregat wird für die Installation in einem Londoner Hochhaus per Kran transportiert. (Foto: Rolls-Royce Power Systems/dpa)

Der Strom ist weg. Über viele Stunden, wenn nicht sogar Tage gibt es kein Licht, elektrische Geräte vom heimischen Herd bis zu lebenswichtigen Apparaten in Krankenhäusern stellen ihren Dienst ein. Dieses Szenario verortete man lange Zeit eher in das Genre des Katastrophenfilms à la Hollywood als ins heimische Deutschland. Doch spätestens seit dem Krieg in der Ukraine mit all seinen Auswirkungen auf die Energieversorgung wird das Thema Blackout in Politik und Wirtschaft ernsthaft diskutiert. Während sich viele Unternehmen bereits mit den Worst-Case-Szenarien befassen, sorgt das Thema bei anderen für volle Auftragsbücher. So meldet etwa Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen eine Rekordnachfrage nach Notstromaggregaten.

„Die Wartezeiten für die Aggregate betragen aktuell sechs bis zwölf Monate“, berichtet Wolfgang Boller, Pressesprecher des Großmotorenherstellers, auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. Für das Jahr 2023 sei man schon „so gut wie ausverkauft“. „Der Markt wächst seit vielen Jahren. Rolls-Royce hat frühzeitig die wachsende Bedeutung dezentraler Energieerzeugung erkannt“, berichtet Boller weiter. „2021 trugen die Stromaggregate bereits ein Drittel zum Jahresumsatz des Geschäftsbereichs Power Systems bei“, sagt er. Das entspreche gut einer Milliarde Euro. Und bei dem traditionsreichen Motorenbauer, der seit mehr als 50 Jahren Stromaggregate entwickelt und herstellt, geht man von einem „weiter wachsenden Geschäft“ in diesem Bereich aus.

Ein Aggregat kann bis zu einer Million Euro kosten

Entwickelt werden die MTU-Stromaggregate von Rolls-Royce in Friedrichshafen und Mankato (USA). Ihr Preis schwankt je nach Größe und Ausführung zwischen „fünfstelligen Summen“ und einer Million Euro pro Stück. Hergestellt werden sie in Ruhstorf (Bayern) und Mankato (USA) sowie in Indien und China. Für den Antrieb der Geräte sorgen in der Regel MTU-Motoren, die in Friedrichshafen und Aiken (USA) sowie ebenfalls in Indien und China produziert werden. Ein großer Teil der Motoren sei inzwischen auch für den Betrieb mit nachhaltigen Kraftstoffen zugelassen, erklärt der Sprecher. Rolls-Royce Power Systems entwickle zudem bereits Stromaggregate auf der Basis von Brennstoffzellen.

Käufer für die High-Tech-Geräte gibt es praktisch auf der ganzen Welt. „Unsere Notstromaggregate werden hauptsächlich dafür verwendet, sicherheitskritische Einrichtungen gegen Stromausfall abzusichern. Das sind vor allem große Rechenzentren, über die die globalen Kommunikationsströme laufen, aber auch Krankenhäuser, Flughäfen oder sensible Produktionsprozesse bei Halbleiter- und Pharmaunternehmen“, berichtet der Rolls-Royce-Sprecher. Etwa ein Drittel aller Klicks im Internet werde durch MTU-Notstromaggregate von Rolls-Royce Power Systems abgesichert. Und auch in der Berliner Charité stehen für alle Fälle zwei Exemplare bereit – jederzeit einsatzfähig.

Der Schaden eines Blackouts wäre enorm

Der große Run auf die Aggregate habe allerdings schon vor dem Ukraine-Krieg begonnen, berichtet Boller. Denn: „Der Datenverkehr nimmt fast in allen Branchen zu – Mittelständer wollen so wie große Konzerne den Datenfluss absichern.“

Keine Frage, der wirtschaftliche und auch personelle Schaden eines Blackouts wäre enorm. Am besten vorbereitet sind – wenig überraschend – die Kliniken. „In Deutschland ist jedes Krankenhaus in der Lage, kurzfristige Stromausfälle durch eine Notstromversorgung zu überbrücken“, berichtet Annette Baumer, Sprecherin der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft.

Unternehmen in der Region sind besorgt – und sorgen vor

Aber auch bei vielen anderen Unternehmen nimmt die Sensibilität für das Thema zu. „Für viele Betriebe hat die sichere Stromversorgung eine zunehmende Relevanz“, sagt etwa Moritz Schwier, Pressesprecher der IHK Bodensee-Oberschwaben, in deren Gebiet jede Menge große und mittlere Unternehmen sehr bedeutender Branchen ansässig sind. „Stromausfälle verursachen immer Kosten. Komplexe industrielle Anlagen oder Werkzeuge können beschädigt werden, das Unternehmen kann in dieser Zeit nichts produzieren und häufig ist auch die Reparatur von Anlagen kostspielig“, fasst er die Erfahrungen der Betriebe zusammen. „Aufgrund der aktuellen Krisensituation sind viele Unternehmen besorgt über die Stromversorgungssicherheit und haben Sorge vor einem großflächigen Stromausfall“, berichtet er weiter.

Erst kürzlich hatte auch der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) davor gewarnt, dass es wegen der angespannten Lage bei der Energieversorgung in den kommenden Monaten zu Stromausfällen kommen könne, die über das bisherige Maß hinausgingen. „Wir müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird“, sagte BBK-Chef Ralph Tiesler der „Welt am Sonntag“. Auch wenn seine Pressestelle nach heftigem Widerspruch – unter anderem der Bundesnetzagentur – flugs wieder zurückruderte und schließlich mitteilte, ein großflächiger Stromausfall im Winter sei „äußerst unwahrscheinlich“, das Wort Blackout stand im Raum – einmal mehr.

Auch Wirtschaftsministerium empfiehlt Notstromaggregate

Die meisten Experten halten einen großen Stromausfall nach wie vor für nicht sehr wahrscheinlich. Ungeachtet dessen empfiehlt das Wirtschaftsministerium „die Ausstattung mit Notstromaggregaten, insbesondere für Betreiber von kritischer Infrastruktur“. Andere Experten sowie Transnet BW wollen zumindest nicht ausschließen, dass es im Winter für „einige wenige Stunden“ zu Lastenunterdeckungen kommen könnte.

„Blackouts bleiben in Deutschland weiterhin sehr unwahrscheinlich“, schreibt die Bundesregierung in ihrer aktuellen Risikoanalyse zum Strommarkt. Nichtsdestotrotz bereiten sich viele lieber vor – und sorgen damit weiter für volle Auftragsbücher bei Rolls-Royce Power Systems.

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