Große Emotionen in der Oper werden ausgespielt (von links): Aida (Yannick-Muriel Noah), Radames (Magnus Vigilius) und Amneris (S
Große Emotionen in der Oper werden ausgespielt (von links): Aida (Yannick-Muriel Noah), Radames (Magnus Vigilius) und Amneris (Svitlana Slyvia) bei ihrem Auftritt im Graf-Zeppelin-Haus. (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Sicher haben sich viele Besucher schon seit langem darauf gefreut, mit Verdis „Aida“ wieder eine der berühmten Opern auf dem Spielplan zu sehen, noch dazu von der Oper Halle, deren rauschhaftes Opernfest mit Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ vor zwei Jahren man noch in lebhafter Erinnerung hat. Dann kommt der Donnerstagabend. Dreieinhalb Stunden sind angesagt – bei einem Opernereignis kein Problem. Wunderbar kommt die Musik unter Josep Caballé-Domenech aus dem Graben, strömender Belcanto ist zu genießen, auch die Chöre lassen keine Wünsche offen – und doch erfolgt in der Pause ein noch nie gesehener Exodus, eine Abstimmung mit den Füßen. Rund 200 der 850 Besucher verlassen das GZH. Was ist passiert?

Chefdramaturg Michael von zur Mühlen hat sich Verdis „Aida“ zur Brust genommen als eine Oper, die man so eigentlich nicht mehr aufführen könne, eine Oper, die den Sieg einer Hochkultur über ihre versklavten Feinde zelebriert, eine Stimmungsmache, die kulturelle Überlegenheit und Wut auf das Fremde anheizt, ein „Gefühlskraftwerk“, das Hoffnungen, Ängste und Lüste der Menschen auf der Bühne bündelt. „Kann Oper positive Entwürfe für ein Zusammenleben heute liefern?“, fragt er. Also nicht einfach die Oper, ihre Musik, ihre Emotionen genießen lassen, sondern sie wieder und wieder mit Statements unterbrechen, unterlegen, die Zuschauer hin und her werfen zwischen Oper und Gedanken, ob von Heiner Müller oder Macron, die um den Opern-Stoff, um das Verhältnis von Völkern kreisen wie um die Aufgabe von Oper. Was bei dieser Vernetzung der Oper mit dem Heute herauskommt, ist ein Ärgernis, das weder die Gedanken und Bilder nachvollziehen lässt, die den Zuschauer ohne Einbindung überfallen, noch den Emotionen der Oper folgen lässt, die ständig unterbrochen wird. Man denkt an Brechts Kampfansage im epischen Theater: „Glotzt nicht so romantisch!“ Bloß nicht zu viel Gefühl, zu viel Pathos. Also Verfremdung.

Kampf gegen das Publikum

Damit die beiden Seiten auch so recht kontrastieren, wird die Oper selbst rückgeführt auf die „verstaubte“ Aufführungstradition. Die Kulissen zitieren die Pariser Uraufführung von 1880, das Portal die Oper Halle vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Schauspieler im schwarzen Gehrock tragen alle die gleichen Rauschebärte und sind optisch kaum unterscheidbar, die Damen ausladende Krinolinen-Kostüme, ob Pharaonentochter oder Sklavin. Das Volk – ob Ägypter oder besiegte Äthiopier – erscheint in dunklen Ganzkörperoveralls, weißen Lendenschürzen oder Tüchern, Perücken und Sonnenbrillen, hier kämpft nicht Volk gegen Volk, sondern Regie gegen Publikum. Zur Verfremdung gehört auch, dass die Protagonisten, wenn sie gerade in der Oper agieren, nach Manier der französischen Oper an der Rampe singen, mit einem geringen Repertoire an pathetischen Gesten, der Gang ist erschwert durch Kothurne – doch all diese Bemühungen können nicht verhindern, dass man aller Kontrakarierung zum Trotz gerade das goutiert, erst recht mit großartigen Sängern. Man schließt die Augen und gibt sich den Seelenschmerzen Aidas und ihrer Rivalin Amneris hin, traumhaft schön, mit welcher Geschmeidigkeit und Kraft Yannick-Muriel Noah und Svitlana Slyvia ihren Partien Glanz und Ausdruck verleihen. Als strahlender Tenor präsentiert sich Magnus Vigilius als Radames, herrliche Bässe verströmen die Könige und der Hohepriester. Nicht minder begeistern der Chor und die Staatskapelle Halle. Die Denkanstöße hätte man lieber einem ausführlichen Programmheft überlassen.

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