Rainhard Fendrich über Politik, Heimat und Altgriechisch

Lesedauer: 9 Min

Rainhard Fendrich
Rainhard Fendrich (Foto: Sandra Ludewig)
Schwäbische Zeitung
Harald Ruppert

Karten für das Konzert von Rainhard Fendrich am Donnerstag, 18. Dezember um 20 Uhr im GZH in Friedrichshafen gibt es ab 59,90 Euro unter

tickets.schwaebische.de

Einklappen  Ausklappen 

Rainhard Fendrich zählt seit den 80er-Jahren zur ersten Garde der Popmusik aus Österreich. Am 18. Oktober lässt er im GZH in Friedrichshafen seine Karriere Revue passieren. Im Gespräch mit Harald Ruppert erzählt er von den Anfängen seiner Karriere, den Hintergründen seines Hits „I am from Austria“ und er erklärt, warum Kenntnisse in Altgriechisch beim Komponieren hilfreich sind.

Wie geht es Ihrem Kehlkopf? Das Konzert in Friedrichshafen sollte schon 2017 stattfinden, aber Sie mussten es wegen einer Kehlkopfentzündung absagen.

Das war wirklich nur eine Infektion, wie sie viele hatten. Das war überhaupt nicht schmerzhaft, sondern eine Stimmbandinfektion, bei der man überhaupt keinen Ton mehr herausgebracht hat. Das war das erste Mal, dass ich ein Konzert abbrechen musste.

Viele Ihrer alten Lieder funktionieren auch heute textlich und musikalisch noch wunderbar. Das ist mir beim Durchhören Ihres Albums „Wien bei Nacht“ von 1985 aufgefallen. Ist Zeitlosigkeit ein Ziel Ihrer Arbeit?

Wenn Sie sagen, das ist zeitlos, nehme ich das als Kompliment gerne an. Aber das macht man nicht bewusst. Vor allem die Platte „Wien bei Nacht“ wurde in einer Zeit aufgenommen, in der die Sequencer entstanden sind und mit elektronischer Musik gearbeitet wurde. Aber ein Lied ist ein Lied. Und ein Singer/Songwriter erzählt eine Geschichte. Wenn die Geschichte aktuell bleibt oder die Gefühle, die transportiert werden, nicht obsolet sind, kann man das sehr wohl als zeitlos bezeichnen. Es gibt Lieder, die einen ein ganzes Leben lang begleiten. Für einen Künstler gibt es kein größeres Kompliment als zu erleben, das seine Lieder Volksliedcharakter bekommen. Das macht wahrscheinlich zeitlosen Charakter aus.

„I am from Austria“ wurde zur Österreich-Hymne. Haben das auch schon die Falschen vereinnahmt?

Diese Lied war nicht als Hymne gedacht. Es ist entstanden, als Österreich in Europa geächtet war. Wir hatten die Diskussion um Kurt Waldheim, den österreichischen Bundespräsidenten. Man hat ihm eine Nazi-Vergangenheit nachgesagt. Mit einem Schlag waren alle Österreicher Nazis; auch die amerikanischen Medien spielten das rauf und runter. Ich hatte damals ein Ferienhaus in Florida. Da waren noch andere Österreicher, die sich plötzlich als Schweizer oder Deutsche ausgaben. In diesem Gegenwind habe ich gesagt: „I am from Austria“. Ich kann nichts dafür, was passiert ist. Ich bin nur verantwortlich dafür, dass verschiedenen Dinge nicht mehr passieren dürfen. In diesem Geist habe ich dieses Lied geschrieben. Es ist auf der Platte „Von Zeit zu Zeit“ und wurde lange nicht bemerkt. Jetzt wird es als Hymne hoch gepriesen. Aber es stehen Zeilen drin, die in keiner Hymne vorkommen sollten:„ I kenn’ die Leut’, i kenn’ die Ratten, die Dummheit, die zum Himmel schreit“. Hymnen sind eine Überhöhung der Wunderbarkeit eines Landes. Wenn alle Länder wie ihre Hymnen wären, gäbe es keine Kriege. „I am from Austria“ passt heute vielen rechtspopulistischen Organisationen ins Konzept. Wenn mir zu Ohren kommt, dass das Lied missbraucht wird, kann ich mich davon nur distanzieren.

Sie haben mal gesagt, Sie seien nicht politischer geworden, sondern interessierter. Ist eine Folge, dass Ihre Lieder politischer werden?

Ein Liedermacher spiegelt die Zeit wider. Ich habe auch humorvolle Lieder geschrieben, weil ich aus einer Zeit komme, in der es in Wien die jüdische Kabarettszene gab, mit Georg Kreisler. Aber selbst meine heiteren Lieder haben immer auch einen sozialkritische Hintergrund. Selbst „Macho Macho“ ist eine Verarschung des überheblichen Männlichkeitsgehabes. Und „Blond“ ist die Geschichte einer Frau, die keiner anschaut – und als sie sich die Haare färbt, rennen ihr die Männer hinterher. Nur: Im Lauf des Lebens erweitert sich der Interessenhorizont. Politik wird nicht nur in der Tagesschau abgewickelt oder bei Wahlen. Sondern sie regelt unser Leben, für das ich mich interessiere. Wenn dort Dinge passieren, die die Freiheit im Staat gefährden, steht der Liedermacher in der ersten Reihe.

Was fällt Ihnen leichter: Text oder Melodie?

Der Text ist die Melodie. Ich habe Altgriechisch gelernt. Man kann damit relativ wenig anfangen. Aber es hilft jemandem, der sich mit dem Dichterhandwerk anfreundet, unglaublich, weil der Gesang aus dem griechischen Chor entstanden ist. Ich habe zuerst immer eine Textzeile, die entweder den Refrain prägt oder den Beginn eines Liedes; und diese Zeile hat einen Rhythmus. Aus ihm entsteht eine Melodie. Bei mir ist eine Melodie immer abhängig vom Text. Es ist nicht so, dass mir erst eine Melodie einfiele und dann der Text.

Vor Ihrer ersten Platte waren Sie auch Bühnenschauspieler. Gab es Zeiten, in denen nicht sicher war, ob Ihre Laufbahn sich als Schauspieler oder Musiker entwickeln würde? 1982 waren Sie ja auch Sänger und Schauspieler zugleich, als Judas in „Jesus Christ Superstar“.

Ich habe meine Karriere durch eine Anhäufung glücklicher Zufälle beginnen können. Nach meinem abgebrochenen Jura-Studium war ich erst ein sehr Verlorener und hatte durch Zufall Gelegenheit, in einem relativ großen Stück im Theater an der Wien eine ganz kleine Rolle zu spielen. Da habe ich gemerkt, dass mir die Bühne sehr liegt. Mein erstes Engagement war 1978/1979 „Die Gräfin vom Naschmarkt“ mit Marika Rökk. Danach kam „Jesus Christ Superstar“. Da habe ich nicht gleich den Judas gespielt, sondern kleinere Rollen. Mein Vorteil war, dass andere Schauspieler krank wurden und ich das ganze Stück kannte. So habe dann Pilatus und den Judas gespielt. Ich dachte, dass das Musicaltheater meine Zukunft sein würde, bin dann auch ans Wiener Schauspielhaus und habe Klassiker gespielt. Der Direktor vom Theater an der Wien gab mir die Chance, bei einer Matinee meine Lieder zu spielen. Plattenfirmen waren eingeladen und ich hatte nach einer halben Stunde einen Plattenvertrag.

Welche Bandbreite wird ihr Konzert in Friedrichshafen haben?

Da die Band unplugged spielt, wagen wir einen Querschnitt von den ersten Liedern bis zum letzten Album „Schwarzoderweiss“. Wenn man akustisch spielt, klingen Lieder teilweise wieder so, wie sie klangen, bevor ein Produzent sie in den Händen hatte. Vielleicht kann man so auch die Texte besser nachvollziehen. Wir sind mit sieben Musikern unterwegs, mit Akkordeon, Klarinette, Flöte und Saxofon. Es wird kammermusikalisch, aber ich war noch nie mit einer so großen Band unterwegs.

Karten für das Konzert von Rainhard Fendrich am Donnerstag, 18. Dezember um 20 Uhr im GZH in Friedrichshafen gibt es ab 59,90 Euro unter

tickets.schwaebische.de

Einklappen  Ausklappen 
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen