Thekla Chabbi liest im Kiesel aus ihrem Roman „Ein Geständnis“, hier bei der Einführung.
Thekla Chabbi liest im Kiesel aus ihrem Roman „Ein Geständnis“, hier bei der Einführung. (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Einen „kleinen, aber feinen“ Kreis hat Franz Hoben am Montagabend zur Lesung von Thekla Chabbi im Kiesel begrüßt. Als Co-Autorin von Martin Walsers Roman „Ein sterbender Mann“ ist sie bekannt geworden, doch als sie jetzt ihren druckfrischen Roman-Erstling „Das Geständnis“ vorstellte, sind nur wenige Interessierte gekommen.

Thekla Chabbi hat am Stehpult Platz genommen und verkündet: „Ich lese jetzt bis Seite 130.“ Das sitzt erst mal. Natürlich sind es ausgewählte Passagen, die sich zu einer anderen Wirklichkeit formieren als im Roman selbst. Die Technik fasziniert: Die Ich-Erzählerin Amelie führt in Rückblenden durchs Geschehen. „Es geht um die verschiedenen Formen der Wahrnehmung“, berichtet sie hinterher im Gespräch mit Franz Hoben, dem stellvertretenden Leiter des Kulturbüros. Jeder erlebt ein Geschehen anders – was ist richtig? Gibt es eigentlich ein „Richtig“?

Chabbis Stimme klingt angenehm, wird zu einer leisen, bisweilen melancholischen Melodie. Unprätentiös schlüpft sie in verschiedene Rollen. Die Handlung wird im Imperfekt formuliert, übergangslos, doch ohne harte Schnitte folgen Beschreibungen im Präsens. Sehr detaillierte Beschreibungen, etwa wie das Parfait schmeckt, das die Mutter – wohl die beste Zahnärztin der Stadt – meisterhaft zubereitet hat. Ebenso ein „amuse gueule“. Retardierende Momente, die eine Spannung aufbauen, weil sie das Eigentliche verbergen und doch immer neugieriger machen: Was mögen diese detaillierten Beschreibungen bezwecken? Und doch ist es spannend, wie eine Sektflasche entkorkt wird, der Korken am Flachbildschirm abprallt.

Schnitt. Mutter weiß, dass der Vater fremdgeht mit Kay, die jünger ist als seine Tochter. Amelie ist Wirtschaftsanwältin in einer angesehenen Kanzlei, beherrscht von einem Chef, der ihr ständig ihre Bedeutungslosigkeit demonstriert. Man fragt sich, wie es ihr ergehen mag, was wohl geschehen mag, schließlich finden Gespräche mit ihrem Vollzugshelfer im Gefängnis statt: „Ich hatte auch vor der Tat kein Leben.“

Neugierig auf das Ausgelassene

Chabbi liest Erinnerungen an Telefonate. Mitten in der Nacht ruft Mario an, der Mann, in den Amelie sich verliebt hat, und bittet sie auf den Schlossplatz, wo er allein für sie auf dem Keyboard Bachs Goldberg-Variationen spielt. Am Morgen vor dem Joggen erzählt ihr ihr Vater von seiner Geliebten, sucht nach noch nicht abgenutzten Begriffen für den „Gefühls-, Gedanken- und Ausdruckszwilling“, ihm fehle die „Metaphern-Jungfräulichkeit“. Wird die Sprache wirklich zum „Illusionsstifter“? Die Frage bleibt offen. Amelie joggt mit Beethoven im Ohr. Zu Hause wartet der dritte Anruf: Die wütende Mutter, die der Vater verlassen will, fantasiert, wie sie seiner Geliebten mit der Axt den Kopf spaltet.

Die Lesung macht neugierig auf das, was ausgelassen wurde, auf den Weg, sich mit Wahrnehmung zu beschäftigen, der hinter Chabbis Konstruktion steht. Ob diese tragfähig ist, darüber gibt die Lesung keine Auskunft.

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