Professor Boerne hat soviel zu sagen wie zu singen

Lesedauer: 5 Min
Lydia Schäfer

Mit zwei roten Koffern hat Jan Josef Liefers die Bühne betreten und im Gepäck hatte er jede Menge Deutsch-Pop-Songs – leicht, locker und definitiv Tanzbeintauglich. Liefers ist Musiker, Sänger, Produzent und Schauspieler. Vielen ist er durch die Münster-Tatort-Reihe bekannt, bei der er den Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne verkörpert.

Dort frozelt er stets mit seiner Assistentin „Alberich“, dargestellt von Christine Urspruch, die am Samstag als Überraschungsgast die Bühne betrat. Als Vorband haben die Berliner Straßenmusiker „Herbstbrüder“ mit melancholischen Songs das Publikum eingestimmt.

Alles hat zwei Seiten

Mit seinen neuen Album „Zwei Seiten“ tourt Radio Doria zur Zeit durch Deutschland. Der Titel beziehe sich nicht auf die zwei Seiten, die eine Langspielplatte habe, wie er immer mal wieder gefragt werde, „sondern auf die zwei Seiten, die jede Situation im Leben hat“, erklärt der Frontmann. Was sich im ersten Moment vielleicht wie eine abgedroschene Lebensweisheit anhöre, berge jede Menge Wahrheit, versichert Liefers.

Ohne Frage: Jan Josef Liefers hat auf der Bühne genau soviel zu sagen, wie er singt. Mit Mitte 50 versprüht er sowohl Lausbubencharme als auch Weisheiten, die ihm gut zu Gesicht stehen. Er redet über seine Reise nach Aleppo, wo er dem Krieg in die Augen geschaut hat. Keine trockene Lektüre aus dem Geschichtsbuch, sondern Erlebtes, das ihn geprägt hat. Wie das im krassen Widerspruch zu dem Gefühl stehe, das er bei der Geburt seiner vier Kinder empfunden habe.

„Dieses Ur-Gefühl“, ringt er nach Worten, um diese Glücksmomente zu beschreiben. Erlebtes und Gefühltes – das findet sich in seinen Songs wieder.

Sowohl sanfte als auch peppig-rockige Töne mit Worten untermalt, die vielleicht die wirklich wahren Themen des Lebens berühren, wie Freundschaft, Glücksmomenten und Liebe. Ja, auch das klingt irgendwie im ersten Moment abgedroschen. Und birgt doch so viel Wahrheit. Man nimmt es dem Musiker ab.

Sänger und Plauderer zugleich

Liefers präsentiert sich als Sänger und Plauderer, als Entertainer und Schauspieler zugleich. Kurzerhand holt er Christine Urspruch auf die Bühne, die in vorderster Reihe stand. Unter fast schon frenetischem Beifall des Publikum, lieferten sich die beiden ein Gesangsduell. Wer kann besser, wer kann höher singen? Der Punkt ging ganz klar an die Schauspielerin Urspruch. Was Liefers wiederum zu kleinen Frotzeleien verleitete: „Da ist noch Luft nach oben“ und fügt hinzu: „Eigentlich fehlt nur doch der kleine Dicke“, mit Anspielung auf den Schauspieler Axel Prahl, der den Kommissar im Münster-Tatort spielt.

Dabei mögen sie sich alle – das sagt er und das spürt man auch. Ein Abend, der deutlich machte, dass Liefers ein echtes Multitalent ist. Die leichte und lockere Musik sei harte Arbeit gewesen. „Zwei Seiten“ ist in einer Zeit produziert worden, in der die Flüchtlingsfrage hart diskutiert wurde, in der Zeit der „Hater“, in der Zeit politischer Spannungen. „Und wir wollten bewusst leichte Songs komponieren“. Der Einstieg sei angesichts der äußeren Umstände nicht leicht gewesen.

Aber es ist Radio Doria gelungen. Songs, wie eine Handvoll Glückskekse, die Liefers in die Luft warf und das Publikum aufgefangen hat.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen