„Positives Denken ist nicht hilfreich“

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Anja Achtziger (Foto: zu)
Schwäbische Zeitung

Gesund ernähren, Schluss mit dem Rauchen, endlich Sport treiben – willkommen in der Welt der guten Vorsätze. In der Silvesternacht haben sie wieder Hochkonjunktur, in den Wochen danach platzen sie schneller als manche Spekulationsblase. Warum das so ist - und wie der innere Schweinehund ausgetrickst werden kann - das hat Anja Achtziger, Sozial- und Wirtschaftspsychologin der Zeppelin Universität Friedrichshafen, wissenschaftlich untersucht. Hagen Schönherr hat mit ihr gesprochen.

Zähneputzen, morgens aufstehen – das bekommt jeder hin, Frau Achtziger. Endlich mehr Obst zu essen schaffe ich nicht einmal dann, wenn ich mir das fest vornehme. Warum?

Der wichtigste Grund, warum gute Vorsätze und damit auch Neujahrsvorsätze nicht befolgt werden, ist simpel: Weil sie zu allgemein gehalten sind. Wenn einer sagt „Ich will abnehmen“, was heißt das denn? Ein, zwei oder drei Kilo? Mehr Sport treiben, was bedeutet das? Die Lösung lautet: Je spezifischer Menschen ihre Ziele im Kopf haben, umso mehr werden diese auch erreicht. Am Anfang steht dann die Überlegung, wann, wo und auf welche Weise etwas gemacht werden soll. Wenn ich sage, ich will weniger Bier trinken, dann muss ich mir die kritischen Situationen vorstellen, in denen ich zu viel trinke. Es braucht ein Bild im Kopf, wann und wo mir das passiert. Dann gilt es, konkrete Ziele zu setzen. Wer spezifisch sagt „in der Kneipe bestelle ich nur ein Bier und hinterher gibt es nur Wasser“, hat gute Chancen, das zu schaffen. Schreiben Sie solche Regeln irgendwo nieder.

Regeln schreiben, sich Situationen vorstellen, warum geht das nicht einfacher?

Oft fehlt uns die ehrliche Überzeugung und der innere Druck. Dann werden Vorsätze schnell vergessen. Deshalb brauchen wir Tricks, die uns bei der Stange halten. Wer zum Beispiel den sozialen Druck erhöht und vor mehreren Bekannten erklärt: „Ihr lacht jetzt, aber ich werde das wirklich tun“, der will sich hinterher keine Blöße geben. Auch der Zettel am Kühlschrank mit ganz spezifischen Anweisungen ist gut: „Joghurt und Obst! Ich lasse die Süßigkeiten liegen!“ – mit Ausrufezeichen, das ist prima. In dieser Hinsicht bin ich auch ein Fan von Smartphones: Am Donnerstagmorgen um zehn Uhr klingelt es mit dem Hinweis: „Heute Abend ist Sport angesagt.“ Das hilft unheimlich und ist definitiv keine Spielerei. Gerade bei Menschen mit problematischen Geschichten – zu viel Trinken, zu wenig Sport – kann das viel bewirken.

Der Mensch ist also ein Tier, solange die äußere Kontrolle fehlt?

Nein, die meisten Menschen sind doch extrem kontrolliert, sonst kämen sie gar nicht durchs Leben. Wir rasen ja nicht alle bei Rot über die Ampel. Das Problem bei Neujahrsvorsätzen ist vielmehr, dass sie quasi kulturell verankert sind und nicht richtig ernst gemeint. Es gibt zudem die Tücken der Routine. Vieles, was wir tun, geschieht quasi per Autopilot. Ziele höherer Ordnung passen da nicht ins Konzept. Stellen Sie sich vor, ihr Zahnarzt wurde sagen: „Putzen sie morgens nicht mehr die Zähne“..

…Ich würde trotzdem zur Bürste greifen…

…weil Sie jeden Morgen voll auf Automatik gestellt sind.

Menschen nehmen sich moralisch sehr hochwertige Dinge an Neujahr vor. Kaum einer sagt aber „Ich will mehr Geld verdienen“. Warum?

Das wird mancher durchaus tun, aber nur heimlich. Was öffentlich gesagt wird, sind sozial erwünschte Dinge. Auch das lässt mich an der Ehrlichkeit dieser Vorhaben zweifeln.

In Ihren Promotions und Habilitationsschriften haben Sie noch einen Grund für das Misslingen guter Vorsätze entdeckt. Sie sagen, Menschen denken zu positiv. Ist das ihr Ernst?

Grundsätzlich ist das richtig. Ich habe untersucht, welche Art von Plänen Menschen bei der Stange hält. Dabei wurden unter anderem Hirnströme von Probanden gemessen. Da habe ich festgestellt: Wenn Menschen sich vorstellen, sie schaffen eine Aufgabe auf jeden Fall und alles ist dann toll, dann zeigt das Gehirn einen Zustand der völligen Entspannung an. Was wirklich motiviert ist dagegen, Diskrepanzen zu erleben. Wir müssen gezwungen werden, zu erkennen, wie weit wir vom Ziel entfernt sind. Dann passiert auch extrem viel im Gehirn. Wer mit dem Rauchen aufhören will und sich vorstellt, er habe bereits aufgehört, macht dagegen einen Fehler. Es ist natürlich in Ordnung, sich dieser Phantasie für einen Moment hinzugeben. Aber dann muss der Blick wieder auf die Realität gerichtet werden. Dann heißt es: „Au Backe.“ Das ist ein bekannter Trick im Motivationsbereich. Schüler haben zum Beispiel mehr Erfolgschancen, wenn sie auf Probleme angesprochen werden: „Hör zu, das sah jetzt nicht so toll aus, du musst da was tun.“ Jeder denkt heute „Positive Thinking“ sei toll. Aber im positiven Denken schwelgen ist gar nicht hilfreich. Es funktioniert nur bei Menschen, die sowieso eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit haben.

Gehen Sie mit sich selbst genauso um?

Eigentlich bin ich da ein Experte, ich krieg das in der Regel schon hin. Daher bin ich kein Fan von Neujahrsvorsätzen und ohnehin trainiert zu erkennen, wo mich neue Ziele erwarten und wie ich diese erreiche. Aber im Prinzip mache ich nichts anderes wie gerade beschrieben. Wenn es sehr kompliziert wird, schreibe ich das auch mal konkret runter. Je komplexer eine Sache ist, umso mehr muss ich diese Herangehensweise planen. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen Bergsteigen zu gehen. Wer untrainiert ist, für den ist das zunächst nicht besonders spaßig. Daher habe ich schon am Vorabend geplant: Um acht klingelt der Wecker. Dann zweimal Schlummertaste. Dann raus in die Küche. Als ich verschlafen im Auto saß, war das schon die halbe Miete.

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