Polizei: Prävention steht jetzt auf dem Stundenplan

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Die Polizei kooperiert intensiv mit Schulen. Ziel ist es, die Jugendkriminalität zu senken.
Die Polizei kooperiert intensiv mit Schulen. Ziel ist es, die Jugendkriminalität zu senken. (Foto: imago)
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Erster Polizeihauptkommissar Peter Härle und seine Kollegin Rieder haben im Jugendhilfeausschuss des Kreistags den Bericht zur Entwicklung der Jugendkriminalität und der Jugendbegleitung für das Jahr 2018 erläutert. Danach ist die Zahl der Täter im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2017 nahezu konstant geblieben, die Zahl der Taten hat sich von 1581 auf 1695 erhöht. Bei über 76 Prozent der Täter handelt es sich um männliche Personen.

Die beim Jugendamt angesiedelte Jugendgerichtshilfe betreut die Jugendlichen oder jungen Volljährigen während des gesamten Strafverfahrens. In der Bewertung der Jugendgerichtshilfe wird nicht zwischen Tatverdächtigen und Tätern mit oder ohne Migrationshintergrund unterschieden, sondern nur nach deutscher oder anderer Staatsangehörigkeit.

Die Zahl der Tatverdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit ist etwas zurückgegangen, während die Anzahl der Täter mit einer anderen Nationalität von 177 in 2017 auf 224 in 2018 gestiegen ist. Das Jugendamt registriert bei den Vorwürfen eine konstant hohe Zahl an Diebstählen, gefolgt von solchen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzungen. Deutlich angestiegen sind die Sachbeschädigungen in jeglicher Form, während die Betrugsfälle zurückgegangen sind.

Mehr Ordnungswidrigkeiten

Die Art der Strafverfolgung hat sich im Vergleich zu 2017 deutlich verschoben. Während 2017 noch 280 Anklagen erhoben wurden, waren es im vergangenen Jahr 329. Außerdem wurden mehr Strafbefehle gegen Heranwachsende (zwischen 18 und 21 Jahren) erlassen. Die Ordnungswidrigkeiten sind gestiegen. Inhaltlich handelt es sich meist um Schulverweigerungen. Verbunden mit ihnen ist die Gefahr eines Abstiegs in die Kriminalität. Unter anderem bietet das Angebot „Kopf, Herz, Hand“ eine Unterstützung für diese Zielgruppe. Außerdem bietet die BBQ Berufliche Bildung gGmbH das Projekt Aktiv plus an, um junge Menschen durch eine Einzelbegleitung zu stabilisieren und wieder in schulisch-berufliche Maßnahmen zu integrieren.

Das Staatliche Schulamt hat einen Handlungsleitfaden zum Schulabsentismus für die Schulen in seiner Zuständigkeit erarbeitet. Die Nachfrage nach regionalbezogenen, niederschwelligen Anlaufstellen für junge Menschen in den Städten und Gemeinden ist auch künftig vorhanden. Das Fehlen eines solchen Angebots begünstigt nach Ansicht des Amtes Langeweile, Drogenproblematiken und Kriminalität.

Peter Härle plädierte vor dem Ausschuss für eine weiterhin engmaschige Kooperation aller Beteiligten wie Jugendamt, Polizei, Schule, Gemeinde/Stadt und Streetworkern, um einen Abstieg junger Menschen in die Kriminalität zu verhindern.

Ein großes Thema ist weiterhin das Thema Sucht, das eine gute Präventionsarbeit und die Zusammenarbeit aller Akteure erfordert. Die Polizei hat die Prävention auf den Stundenplan der Klassen sechs bis neun gesetzt, nachdem die Drogen weiterhin ein besonderes Risiko bedeuten. Ein Grund ist die Tatsache, dass sie leicht im Internet zu bekommen seien und ihre Mischung oft nicht unter das Betäubungsmittelgesetz falle.

Verstärkt werden mehrfach aggressiv aufgefallene Täter in Anti-Aggressionskurse vermittelt. Der Bodenseekreis stellt für soziale Trainingskurse an Schulen jährlich rund 150 000 Euro zur Verfügung.

Auch die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Peter Härle stellte dem Ausschuss das Projekt „Sicher unterwegs“ vor, mit dem man keine „Angst schüren“ wolle, wie er sagte, sondern die Gefahren realistisch darstellt.

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“, zitierte Kollegin Rieder den griechischen Philosophen Sokrates, der diese Aussage im 5. Jahrhundert vor Christus traf. So schlimm ist die Jugend im Bodenseekreis nicht. Die Jugendkriminalität im Kreis hat 2018 gegenüber 2017 abgenommen und liegt am Ende im Vergleich zu allen anderen Landkreisen im Land. Unterschieden wird die Gruppe der schuldunfähigen Kinder bis zum 13. Lebensjahr, den Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren sowie den Heranwachsenden zwischen 18 und 21, für die vor einer Beurteilung vor Gericht ihr Entwicklungsstand wichtig ist. Jugendspezifische Straftaten liegen vor allem im Rauschgiftbereich (Cannabis), wobei 23,8 Prozent der Tatverdächtigen im Fünfjahresmittel des Bodenseekreises unter 21 Jahre alt waren. Als Intensivtäter gelten in dieser Altersgruppe Personen mit mindestens zehn Straftaten. So hat eine Gruppe von drei Personen – darunter zwei Kinder – innerhalb von vier Monaten über 30 Straftaten begangen. Intensität zunehmend. Gleichwohl: „Im Bodenseekreis sieht’s mit der Jugend Kriminalität im Vergleich mit anderen Landkreisen gut aus“, sagte Rieder, die in der Mehrzahl von leichteren Vergehen sprach, aber auch von einer hohen Dunkelziffer.

Höhne: Prävention verstärken

„Wir dürfen noch einigermaßen zufrieden sein“, konstatiert Landrat Lothar Wölfle, der aber bei der Gewalt gegen Frauen „keine schönen Zahlen“ sieht. Kreisrätin Dagmar Höhne appellierte: „Im Bereich Prävention können wir nicht genug machen“. Und: „Bei Schulverweigerern wird zu wenig getan“. Oft sei dies der Einstieg in eine kriminelle Karriere.

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