Perspektivlosigkeit und Alkohol lassen 25-Jährigen mehrfach ausrasten

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Wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen hat das Schöffengericht am Amtsgericht Tettnang einen 25-jährigen Mann zu ei
Wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen hat das Schöffengericht am Amtsgericht Tettnang einen 25-jährigen Mann zu einer Freiheitstrafe von drei Jahren verurteilt. (Foto: dpa)

Wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen hat das Schöffengericht am Amtsgericht Tettnang einen 25-jährigen Mann zu einer Freiheitstrafe von drei Jahren verurteilt. Im Januar 2017 hatte er in der Obdachlosenunterkunft in der Keplerstraße einen anderen Bewohner mit Fußtritten malträtiert und ihn bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Ein halbes Jahr später schlug er einem weiteren Bewohner mit einer Konservendose ins Gesicht.

Weder Staatsanwalt noch Verteidiger sahen nach der Vernehmung von fünf Zeugen auch nur den geringsten Anlass dafür, an den geschilderten Vorfällen zu zweifeln – auch wenn der Angeklagte selbst sich dazu nicht äußern wollte. Auch bei der Frage, ob dieser erheblich unter Alkoholeinfluss stand und eine verminderte Schuldfähigkeit vorlag, waren sich beide Seiten zumindest im Fall des Würgeangriffs einig. Beim geforderten Strafmaß lagen sie dennoch Welten auseinander. Während der Vertreter der Staatsanwaltschaft für eine Gesamtfreiheitstrafe von drei Jahren und vier Monaten plädierte, hielt der Verteidiger acht Monate für angemessen – was er vor allem damit begründete, dass beim gewürgten Opfer keine bleibenden Schäden zurückgeblieben seien. Der Staatsanwalt hingegen bewertete das Vorgehen des Angeklagte als „äußerst brutal“ und „in höchsten Maße gefährlich“.

Als „akut lebensgefährlich“ bezeichnete den Angriff auch Richter Max Märkle. Außerdem erinnerte er an die Aussage des 76-jährigen Opfers, das akute Todesangst verspürt habe. Darüber hinaus verwies Märkle auf neun Vorstrafen des Angeklagten – Diebstähle, Betrug, Hehlerei und Trunkenheit im Verkehr – und eine noch laufende Bewährungszeit.

Sowohl die beiden Opfer als auch die drei als Zeugen geladenen Polizeibeamten berichteten, dass es in der Unterkunft in der Keplerstraße zu jener Zeit immer wieder zu Vorfällen gekommen war, in die der Angeklagte entscheidend involviert war. Die beiden Mitbewohner sagten zudem aus, dass sich der 25-Jährige oft seltsam verhalten und andere Bewohner provoziert habe. In beiden nun angeklagten Fällen soll er seine Opfer völlig grundlos angegriffen haben. Zumindest in einem Fall stand er unter dem Einfluss von Alkohol. Seinen nach eigenen Angaben „katastrophalen Alkoholkonsum“ erklärte der Beschuldigte mit seiner Perspektivlosigkeit zum damaligen Zeitpunkt.

Wie so oft in vergleichbaren Fällen, offenbart auch in diesem Fall der Blick in die Vergangenheit eine schwierige Kindheit. Aufgewachsen ist der 25-Jährige bei der Oma, in Heimen und drei verschiedenen Pflegefamilien, die leiblichen Eltern starben früh. Immerhin: Der Angeklagte hat einen Realschulabschluss auch eine abgeschlossen Lehre als Kfz-Mechatroniker. Ein Knackpunkt in seinem Leben sei die Trennung von seiner Freundin gewesen. Es folgten Arbeitslosigkeit und die Unterbringung in der Obdachlosenunterkunft. Seit September 2017 sitzt er im Gefängnis – und wird dort eine ganze Weile bleiben müssen. Um die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt anzuordnen, fehlte Richter und Schöffen eine hinreichende Aussicht auf Erfolg. „Sie scheinen jetzt eine Phase zu haben, in der sie gewillt sind, sich helfen zu lassen. Das kann in zwei Tagen aber wieder anders ausehen“, stellte Richter Märkle mit Blick auf das sprunghafte, kaum berechenbare Verhalten des 25-Jährigen fest.

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