Passionskonzert führt in den frühen Barock

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 Ein sensibler Mensch und Musiker: 20 Jahre ist Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel Kantor an der Schlosskirche.
Ein sensibler Mensch und Musiker: 20 Jahre ist Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel Kantor an der Schlosskirche. (Foto: Helmut Voith)

Montagabend im evangelischen Gemeindehaus: Mit Kantor Sönke Wittnebel hat die Kantorei an der Schlosskirche für das bevorstehende Passionskonzert am Karfreitag geprobt.

„Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!“ Wieder und wieder lässt Wittnebel seine Sänger die Passage wiederholen. Bissig soll es klingen, der Zuhörer soll merken, dass die Hohen Priester den Gekreuzigten verspotten: „Es darf nicht künstlich sein, es muss lebendig sein.“ Dann ist er zufrieden: „Wunderbar, dann lassen wir’s mal reifen.“ Und sie gehen weiter in ihrer intensiven Detailarbeit.

Gesungen wird die Matthäuspassion, aber nicht von Bach, sondern rund 50 Jahre älter, von Johann Theile aus der frühen Barockzeit. Was uns heute in seiner Klarheit und Harmonie besonders anrührt, war den damaligen Zeitgenossen äußerst suspekt und den Kirchenoberen ein Ärgernis. Gar zu verweltlicht klang in ihren Ohren die Leidensgeschichte, auf die der „Opernteuffel“ übergegriffen hatte. Nicht allein, dass der polyphone Stil dem Rezitativ-Stil, dem Sologesang mit Generalbassbegleitung gewichen war, nein, Theile hatte dem biblischen Passionstext auch noch lyrische Arien und Chöre zur Betrachtung beigefügt und seine „oratorische Passion“ mit Streichern begleitet, wo doch während der Karwoche die Instrumente zu schweigen hatten. Heute erleben wir diese damals so revolutionäre Musik umso dankbarer, als die neue Hinwendung zum Text, dem sich die Musik unterzuordnen hatte, uns mit besonderer Klarheit in die Passion hineinführt, uns das Geschehen im Sologesang des Evangelisten, in den Worten Jesu und der Beteiligten unmittelbar miterleben lässt, ausgemalt durch die Instrumente und reflektiert in den Arien.

In kultiviertem fünfstimmigem Gesang singt die Kantorei die Stimmen des Volkes, das bald lyrisch klagt oder aber in dramatischen Zorn, in Spott und Gehässigkeit ausbricht. Der Tradition folgend, hat Wittnebel in die Theile-Passion ältere Karfreitags-Responsorien von Carlo Gesualdo eingefügt, noch im polyphonen Stil und betörend schön in ihrer schmerzlichen Poesie. Dass die Kantorei diese Passion singen kann, ist ihrem Mitsänger Bernhard Conrads zu verdanken, der das Notenmaterial für eine erste Aufführung vor elf Jahren eigens aus einer wissenschaftlichen Ausgabe erstellt hat.

Die Sänger werden begleitet von der „Cappella santa croce“ aus Bremen, einem professionellen Barockensemble, das Jonathan Hiese vermittelt hat, der die Orgel spielen wird. Wittnebel hat mit den Musikern bereits in Bremen geprobt und ist von ihrem authentischen Klang begeistert. Sie werden sich eingangs rein instrumental mit zwei doppelchörigen Motetten von Hans Leo Hassler einführen und dann die Matthäus-Passion begleiten. Hier wird auch noch das „Ensemble quidni“ aus Basel dabei sein mit drei Musikerinnen, die auf Dulzianen spielen. Solisten sind der Tenor Benedikt Nawrath als Evangelist und der Bass Philipp Heizmann als Jesus.

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