Opfer-Listen des Zweiten Weltkriegs einsehbar

 Nach Tod und Zerstörung ging das Leben weiter: Der bekannte Schweizer Fotograf Werner Bischof nahm im September 1945 die provis
Nach Tod und Zerstörung ging das Leben weiter: Der bekannte Schweizer Fotograf Werner Bischof nahm im September 1945 die provisorische Bäckerei Bucher in der Wilhelmstraße auf. (Foto: Werner Bischof Estate, Marco Bischof)
Schwäbische Zeitung

Das Stadtarchiv Friedrichshafen hat die bislang bestehenden Listen zu den Opfern des Zweiten Weltkriegs, die in Friedrichshafen oder als Militärangehörige oder Opfer des Regimes auswärts ums Leben kamen, überprüft und zusammengeführt. Wie die Stadtverwaltung mitteilt, können die Listen mit den Opfern nun in einem Schauraum im Stadtarchiv eingesehen werden.

Das Stadtarchiv hat die zur Verfügung stehenden Quellen nach vier Kategorien ausgewertet und in jeweils neuen Aufstellungen zusammengefasst: Opfer des Widerstands und der Verfolgung durch das NS-Regime, Luftkriegstote, Ausländer sowie Soldaten.

Bei den Opfern von Widerstand und Verfolgung wurden ums Leben gekommene jüdische Mitbürger, Widerstandskämpfer sowie in Friedrichshafen eingesetzte deutsche KZ-Häftlinge aufgenommen. Im Unterschied etwa zu KZ-Häftlingen aus Osteuropa war bei dieser Personengruppe in der Regel ein politischer Hintergrund für die Einweisung verantwortlich. Diese Liste umfasst derzeit 25 Personen.

Als Luftkriegstote sind mit Namen fassbar 734 Personen, darunter 233 Ausländer, überwiegend in der Zwangsarbeit oder als KZ-Häftlinge eingesetzt, 437 deutsche Zivilisten und 64 Militärangehörige. Die Friedhofslisten verzeichnen zehn über Friedrichshafener Stadtgebiet gefallene alliierte Flieger, teilt die Stadtverwaltung weiter mit.

Rund 380 Ausländer sind im Zweiten Weltkrieg in Friedrichshafen gestorben. Zu den bereits erwähnten Opfern während der Luftangriffe kamen vor allem Todesfälle durch schwere Krankheiten, begünstigt durch Unterernährung und mangelnde Hygiene. Größte Einzelgruppe waren die russischen Zwangsarbeiter mit 114 Toten, im Jahre 1950 auf dem Ehrenfeld 32 des Hauptfriedhofs Friedrichshafen beigesetzt. Größte Gruppe unter den Westarbeitern bildeten der Mitteilung zufolge die rund 90 auf dem Maybach-Betriebsgelände beim Luftangriff vom 20. Juli 1944 umgekommenen italienischen Militärinternierten. Hier sind dem Stadtarchiv bis heute nicht alle namentlich bekannt. Insgesamt waren Tote aus vielen europäischen Nationen zu beklagen.

Bei den Militärangehörigen überrasche die hohe Zahl von 1211 Belegen, die die Recherche des Stadtarchivs ergeben habe, wie die Stadtverwaltung weiter schreibt. Allein in den Sterberegistern bis 1973 konnten demnach 857 im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten namhaft gemacht werden, zahlreiche weitere Listen vervollständigen das Bild. Insgesamt könne man von rund 2000 Kriegsopfern ausgehen, da es häufiger vorkomme, dass ein und dieselbe Person in mehreren Listen parallel geführt wird.

Betreut wurde das Projekt von Hartmut Semmler vom Stadtarchiv. Unterstützt und begleitet wurde die Recherche durch Christa Tholander aus Friedrichshafen. Carmen Dienel und Bryndis Kern, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs, haben bei der Erfassung des umfangreichen Datenmaterials unterstützt.

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