Niedrigwasser: Einblicke in Häfler Geschichte

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Niedrigwasser macht’s möglich: Vor dem Schlosshorn werden die hölzernen Überreste des ehemaligen Frachthafens sichtbar.
Niedrigwasser macht’s möglich: Vor dem Schlosshorn werden die hölzernen Überreste des ehemaligen Frachthafens sichtbar. (Foto: Alexander Mayer)
Schwäbische Zeitung
Alexander Mayer

Dass im Winter der Wasserstand des Bodensees im Keller ist, weiß man am See. Derzeit ist der Seepegel mit 285 Zentimter (Stand Donnerstag) aber so weit unten, dass er selbst nicht ganz gewöhnliche Einblicke in Häfler Geschichte ermöglicht: auf die letzten Überbleibsel des Hofener Hafens etwa. Die hölzernen Überreste vor dem Schlosshorn sind Zeugen einer Anlage, die einst überregionaler Bodenseehafen für den Frachtverkehr und Anlegeplatz für Lädinen war.

Aus und vorbei – aber noch nicht ganz vergessen. Der ehemalige Schlosshafen mit dem Steg ist eine der ältesten baulichen Anlagen in Friedrichshafen. Der 2010 restaurierte Flaniersteg, eine überdimensionale Landungsbrücke im Neorenaissance-Stil, und der 160 Meter lange Schlosshafensteg lassen die Ausmaße des ehemaligen Hafens am Schlosshorn erahnen.

Der Hafen diente seit dem 17. Jahrhundert als überregionaler Bodenseehafen für den Frachtverkehr. 1611 erstmals erwähnt, wurde die Hofener Städe (Landestelle) im Dreißigjährigen Krieg völlig zerstört. 1669 aber sollte der Hafen auferstehen, diente dem lokalen Warenumschlag. Zunächst für den Neubau des Klosters Hofen, dann aber auch für den Warenverkehr in größerem Maße. „Das führte zu langen Auseinandersetzungen mit Buchhorn, das wirtschaftliche Nachteile befürchtete“, steht auf der Geschichtstafel am Fuß der restaurierten Flaniersteges geschrieben. „Im Zuge politischer Umwälzungen verschärfte sich die Konkurrenz zwischen dem 1806 württembergisch gewordenen Hofen, das die Landestelle auf Staatskosten für den Fernhandel ausbauen ließ, und der 1802 bis 1810 bayerischen Stadt Buchhorn“, heißt es auf der Geschichtstafel weiter.

Langer Hafenstreit

Der Hafenstreit hatte erst 1811 ein Ende: Das württembergische Staatsministerium verfügte am 18. Juli eine Umbenennung der Orte Buchhorn – Kloster Hofen „Schloss und Stadt Friedrichshafen“. König Friedrich von Württemberg (der 1806 das Kloster Hofen gekauft hatte) fügte also nicht nur Buchhorn und Hofen zusammen, sondern gewährte beiden Häfen auch gleiche Rechte und Privilegien. „Als Gründer und Förderer der Stadt Friedrichshafen“, so heißt es in der städtischen Broschüre anlässlich des restaurierten Schlossstegs, „bezog das Haus Württemberg 1824 das ehemalige Kloster Hofen als Sommerresidenz. Der frühere Handelshafen diente fortan nur noch der Personenschifffahrt für die königliche Familie und deren Gäste.“ Eberhard Fritz, Archivar des Hauses Württemberg, erzählt im SZ-Gespräch von zwei Schiffen, die unter anderem in dem Hafen unterhalb des Schlosses lagen: Die elegante Salonyacht „Kondwiramur“ und der gaffelgetakelte Kutter „Skidbladnir“. Die Segelyacht war ein Geschenk, das König Wilhelm II. von Württemberg von Zar Nikolaus II. erhalten hatte.

Wo die königlichen Yachten festgemacht hatten, kann man heute nur noch bei Niedrigwasserstand erahnen. Nach 1918 (der Abdankung des Königs) wurde der Hafen nämlich kaum noch genutzt. 1932 wurde er stillgelegt und ist dann rasch verfallen. Wer dieser Tage einen Spaziergang zum Schlosshorn macht, stößt unübersehbar auf die hölzernen Überreste.

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