Nach hundert Jahren sagte Hüni dem Leder Lebewohl

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Als die Firma Hüni noch eine Lederfabrik war: Ein Gerber arbeitet am Scherbock.
Als die Firma Hüni noch eine Lederfabrik war: Ein Gerber arbeitet am Scherbock.
Schwäbische Zeitung
Rolf Dieterich

Für den gelernten Gerber Otto P. W. Hüni war es nicht einfach, als er sich in den 1950er-Jahren zur Erkenntnis durchringen musste, „dass Leder am besten dort produziert wird, wo die Häute wachsen“ – sprich vor allem in Südamerika.

Immerhin war Otto P. W. Hüni bereits in vierter Generation Spross einer stolzen Gerberdynastie, die 1859 sein Urgroßvater Hans Heinrich Hüni aus Horgen am Zürichsee (der Familienname verrät die Schweizer Wurzeln) begründet hatte. Der Stammvater der Unternehmerfamilie Hüni hatte damals ein Verfahren zur Beschleunigung des Gerbprozesses ausgetüftelt und nützte dieses, wie man heute sagen würde, besondere Know-how, um sich mit einer eigenen Lederfabrik in Friedrichshafen niederzulassen. Gut 100 Jahre blieb Hüni dem Ledergeschäft treu. Zuletzt wurden vor allem Leder für Transmissionsriemen zur industriellen Anwendung sowie für Schuhsohlen und -oberleder produziert.

Ende der 1950er-Jahre ließen jedoch zwei Umstände Otto P. W. Hüni den Entschluss fassen, sein Unternehmen auf eine gänzlich neue Grundlage zu stellen. Das war einmal die nicht zuletzt aus Kostengründen immer uninteressanter gewordene Lederproduktion fernab von den großen Rinderherden und zum anderen der beginnende Siegeszug des Kunststoffs. Die Initialzündung für die komplette Strukturveränderung des Unternehmens ging dann vom Kontakt mit einem benachbarten Friedrichshafener Behälterbauer aus, der auf der Suche nach einem Verfahren zur Innenbeschichtung seiner Behälter war, durch die das Füllgut (zum Beispiel Wein) vor Geschmack verändernden Einflüssen des Aluminiums geschützt werden konnte. Hüni erkannte darin die Chance, sich einer ganz neuen und zukunftsträchtigen unternehmerischen Herausforderung zu stellen. Er begann, zunächst parallel zur Lederfertigung, mit dem Aufbau einer Produktion von Kunststoffbeschichtungen für Behälter, ehe dann 1965 – nach exakt 106 Jahren – das Kapitel Leder für Hüni endgültig abgeschlossen war.

Seit dem überraschenden Tod von Otto P. W. Hüni im Jahr 1986 setzt dessen Sohn Peter als Firmenchef in fünfter Generation den vom Vater eingeschlagenen Weg konsequent fort. Heute präsentiert sich der älteste Friedrichshafener Industriebetrieb mit seinen rund 40 Mitarbeitern und einem Umsatz von gut vier Millionen Euro als ein modernes Spezialunternehmen für hochbeständige Korrosionsschutz- sowie Antihaft- und Gleitbeschichtungen aus Kunststoff. Beschichtet wird so gut wie alles, von kleinen Schrauben und Dichtungselementen bis zu Rohrleitungen, Apparaten, Armaturen und Behältern. Auf diesem Gebiet sieht Peter Hüni sein Unternehmen in der Gruppe der drei, vier führenden Hersteller am deutschen Markt. Im Segment Innenbeschichtungen von großvolumigen Tankcontainern für aggressives Füllgut, gegen das der Edelstahl des Tanks nicht beständig ist, reklamiert Hüni für seinen Betrieb sogar die europäische Marktführerschaft.

Hüni arbeitet für eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Branchen. Diese breite Aufstellung mache sein Unternehmen auch widerstandsfähig gegen große Konjunkturschwankungen, sagt Peter Hüni im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung.

Zu seinen Kunden gehören unter anderem Firmen aus dem Behälter- und Apparatebau, der Transport- und Logistikwirtschaft, der Chemie-, Pharma- und Lebensmittelindustrie, dem Maschinenbau, der Halbleiterindustrie und der Kunststoffverarbeitung. Die Exportquote liegt inzwischen bei knapp 40 Prozent des Umsatzes. Vor 15 Jahren waren es erst acht Prozent.

Das unternehmerische Engagement von Peter Hüni beschränkt sich allerdings nicht auf Beschichtungen. In den Räumen der ehemaligen Lederproduktion ist schon vor Jahren ein Gewerbepark eingerichtet worden. Zudem beschäftigt sich die Hüni Grundstücksverwaltungs-GmbH & Co. KG auch mit dem Bau, der Vermietung und dem Verkauf von Wohnobjekten.

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