In einem berührenden Duett preisen zuletzt Nabucco und seine Tochter Fenena (Kwang-Keun Lee und Sandra Maxheimer) den jüdischen (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Nicht einmal Verdis „Nabucco“ hat am Freitagabend den großen Saal des Graf-Zeppelin-Hauses ganz gefüllt, dabei war der Oper Halle ein besonderer Wurf gelungen. Christian Schuller hat die Geschichte von Exodus und Exil aus heutiger Perspektive betrachtet, den Akzent auf die zentralen Figuren Abigaille und Nabucco gelegt – selten hat man die Handlung so schlüssig, so berührend erlebt.

Abigaille tritt wie Rachegöttin auf

Schuller fragt, was Vertreibung für den Einzelnen bedeutet. Ganz ohne Musik, ohne Gesang lässt er minutenlang den Hohepriester Zaccaria in seinem Heim erleben: ein gediegener Speiseraum mit Flügel, auf der Kommode der siebenarmige Leuchter. Die Familie sitzt am weiß gedeckten Tisch, die Kinder lesen aus der Thora vor, eine Haushälterin bringt Matze als Speise. Eine verschleierte Frau am Tisch ist fremd – die babylonische Gefangene Fenena. Unruhe ist spürbar, angestrengte Blicke auf die Uhr, Horchen am Empfänger. Männer schleppen Mobiliar weg, Zaccaria packt den Leuchter ein, will ihn in der Fremde dabei haben. Ismaele und Fenena bleiben zurück, wie eine Rachegöttin tritt deren Halbschwester Abigaille auf, schneidend in Habitus und Stimme. Neben der hochdramatischen Seite offenbart sie schon hier ihre Zerrissenheit: Ein Blick zum begehrten Ismaele und die Stimme verrät ihren Hunger nach Liebe, ihre Verletzlichkeit.

Frauen und Männer stürzen herein, aus „Zeitungen“ erfahren – und singen – sie von der Ankunft Nabuccos. Wie ein Mafiaboss tritt er auf, schwört Rache. Als Ismaele verhindert, dass Nabuccos Tochter Fenena geopfert wird, entlädt sich der Zorn des Volkes, er wird brutal zusammengeschlagen. Erst hier setzt Schuller die Ouvertüre ein. Wie aus einem Guss, mit vorangestellten Worten aus der Thora, wird die Geschichte in einprägsamen Bildern weitererzählt, das Bewahren der jüdischen Traditionen im Exil, der Machtkampf im Hause Nabuccos.

Sehr gut geführter Chor

Großartig lässt Kwang-Keun Lee Nabuccos Fallhöhe erleben, umnachtet am Boden liegend hört er die unsichtbar bleibenden versklavten Hebräer den berühmten Gefangenenchor singen. Ebenso großartig lässt Romelia Lichtenstein die Zerrissenheit des Bastards Abigaille erleben, ihre Machtlüsternheit wie ihre tiefe Sehnsucht nach Liebe. Erhaben spielt Ki-Hyun Park trotz Indisposition den Hohepriester Zaccaria – während Michael Hauenstein ihm vom Bühnenrand aus eine gewaltige Stimme leiht. Hervorgehoben aus dem hochkarätigen Solistenensemble sei auch Sandra Maxheimer als Fenena, besonders berührend ihr Gesang in der Erwartung des Todes. Ein sehr gut geführter Chor zeichnet ohne Pathos und ohne falsche Opernromantik Babylonier und Hebräer. Auch das Orchester zeichnet unter der Leitung von Andreas Henning sehr klar die Dramatik wie die Lyrik heraus.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen