N.N. Theater Köln säht Sturm auf dem Kulturufer

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Lydia Schäfer

Etwas Shakespeare geht immer – das hat das N.N. Theater aus Köln auf der Bühne im Großen Zelt wieder einmal grandios unter Beweis gestellt. Ein Mixtur aus fein gewebten Anspielungen, Klamauk, Poesie und zwischendurch ein Chanson, dazu ein wandelbares Zelt auf der Bühne und schon befindet sich der Zuschauer „20 000 Meilen unter dem Meer“ nach dem Roman Jules Vernes, durchzogen von Figuren und Zitaten aus „Der Sturm“ von William Shakespeare.

Vor zwei Jahren hat das N.N. Theater ihre Zuschauer mit „Metropolis“ in die Zukunft geführt. Mit ihrer Produktion „20 000 Meilen unter dem Meer“ geht es ab ins Land der Fantasie. Genauer gesagt auf’s Meer, dem sich die „Chefin“, angelehnt an Shakespeares Prospero, nicht entziehen kann. Hinzu kommt, dass ihr langweilig ist und sie als magisches Wesen Macht über die Elemente hat.

Sie schickt Luftgeist oder Engel Ariel, um für ein wenig Abwechslung zu sorgen. Der eilt und findet in Professor Pierre Aronax und dessen Harpunier auf dem Schiff „Abraham Lincoln“ geeignete Kandidaten zur Unterhaltung seiner Chefin.

Zu Gast auf Lebenszeit

Denn die Abraham Lincoln macht Jagd auf einen Narwal, der die Meere bedroht. Das Untier entpuppt sich als das Unterseeboot „Nautilus“ dessen Kapitän Nemo aus Rachegelüsten die Meere unsicher macht. Nachdem Nemo das Schiff zerstört hat, sind der Professor und der Harpunier als „Gäste auf Lebenszeit“ gefangen und das Unterwasserabenteuer mit ängstlichen Zitronenfischen, Kofferfische, die sich als Labertaschen entpuppen, gefräßigen Haien und eleganten Mantarochen kann beginnen.

Eine Geschichte um verletzte Gefühle, Rache an der Menschheit, Willkür der Mächtigen und die Liebe nimmt ihren Lauf. Am Ende war es nur ein Traum, oder doch nicht?

Schauspielerisch überzeugend

Wieder einmal hat es das Ensemble geschafft, mit ihrem wandelbaren Bühnenbild, den fantasievollen Kostümen und ihrem überzeugenden Schauspiel eine Geschichte der Klassik zu entnehmen und als Volkstheater zu erzählen. In dieser Hinsicht bleibt sich das N.N. Theater treu und überrascht immer wieder aufs Neue, wie leicht sie aktuelle Themen einbauen. Dank des Mikroplastiks schwebt eine Polymer-Jungfrau über die Bühne oder auch die Ausbeutung der Erdressourcen, der Ölvorkommen und seltenen Erden, die zur Mikrochipherstellung gebraucht werden, landen auf der Bühne.

Wie nebenbei werden aktuelle Themen ins Netz der Geschichte eingesponnen, weniger um den erhobenen Zeigefinger zu zeigen, sondern eher Fakten auf kuriose und amüsante Weise als Denkanstoß mit auf den Weg zu geben. Das Motto des verbitterten, von Rache angetriebenen Nemo, „Mobilis in Mobile“ (Beweglich im Beweglichen) zieht sich dabei wie ein roter Faden durch den Abend: Beweglich bleiben, Neues entdecken und die Schönheit der Welt achten.

Auch wenn Nemo in seinem Wahn eine etwas andere Vorstellung vom perfekten Leben hat, Menschen meidet und sogar tötet, letztendlich „bewegen wir uns nicht alle von einem Ort zum anderen ohne je einen Heimathafen zu erreichen?“, fragt er sich. Die Mixtur poetischer Äußerungen gepaart mit derbem Humor zeichnen das Stück aus. Eine skurrile Story, die Fantasy und Klassik miteinander vermischt und dennoch eine runde Geschichte darstellt. Faszinierend sind auch diesmal die Bühnenelemente und ihre Funktionen innerhalb der Geschichte eingesetzt. Aus der Rah des Walfängers wird der Hort der Luftgeister, das Herz des U-Bootes oder das Karussell der Bordkapelle. Und als solche begleiten Anne Hartkamp und Bernd Kaftan die Akteure Irene Schwarz (Harpunier, Chefin), Christine Per (Tochter von Nemo), Michl Thorbecke (Ariel, Kapitän Nemo) und Oliver Schnelker (Professor Aronax).

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