Das Programm von Lars Niedereichholz (rechts) und Ande Werner geht unter die Gürtellinie.
Das Programm von Lars Niedereichholz (rechts) und Ande Werner geht unter die Gürtellinie. (Foto: Felix Kaestle)
Felix Kästle

Mundstuhl – der Name ist Programm. Derbe Witze, Fäkalsprache im Minutentakt, schreiend komische Gags stets unter der Gürtellinie. Und ein Power-Programm, das die Spaßvögel fast selbst aus der Rolle bringt. Flamongos heißt die Devise. Urkomisch? Oder anstößig? Die Anspielung auf den Gendefekt ließ jedenfalls ahnen, wie schräg der jüngste Samstagabend im Bahnhof Fischbach werden wird.

Und überhaupt: Politische Korrektheit war noch nie das Steckenpferd von Lars Niedereichholz und Ande Werner, wie die beiden erst kürzlich der „Bildzeitung“ sagten.

Seit knapp drei Jahrzehnten tingeln Lars Niedereichholz und Ande Werner quer durch Deutschland. Flamongos ist jetzt angesagt. Die Mega-Tour geht von Elmhorn bis in die bayrische Hauptstadt. Mehr als 80 Auftritte sind geplant. Und mit dabei sind freilich wieder die Plattenbau-Girls Peggy und Sandy. Die beiden sind so kultig wie unterbelichtet. Nach drei Kindern, zwei Scheidungen verhütet die 23-jährige Peggy jetzt. Doch: „Pille schlucken ist nur die zweitbeste Methode.“ Wer weiter denkt ist ein Schelm. Oder ein Sexist? Das belustigte Volk biegt sich jedenfalls vor Lachen.

Arbeitslosigkeit hat bei Peggy Familientradition. Und Peggys Freund hat jetzt sogar den Alkoholkonsum reduziert. „Er trinkt nur noch an Tagen, die mit g enden. Und freilich auch mittwochs. Auch die Kinder sind nun auf dem rechten Weg. Einer hat neulich zwei Unendlichkeitszeichen hochkant auf den Rücken tätowieren lassen.“ Die Gags gegen Rechts kommen an. Auch wenn Peggy immer wieder versucht, eine „Brechen zu lanzen“ für die ehemalige DDR. Oder wie war das nochmals mit der Lanze?

Und während die beiden Plattenbau-Ikonen hinterm Vorhang verschwinden, tauchen kurz darauf Dragan und Alder auf, die sich fragen, wie sie den Teslar mit 600 Pferdestärken aufbohren können. „Was! Kein Hubraum?“ Dragan ist vor den Kopf geschlagen, wollte er doch in Antalya einmal in seinem Leben Vollgas auf der Landepiste geben. „Geht nicht. Die ist zu kurz, dafür mehr als 3000 Meter breit.“ „Der Gag bleibt drin. Den wollte ich unbedingt drin haben“, macht Lars Niedereichholz unmissverständlich deutlich.

Pinkes Polyamid

Ebenso wie dieser: „Was ist das Gegenteil von Reformhaus: Reh hinterm Haus.“ Immer wieder schlüpfen die beiden Spaßkanonen in neue Rollen und Gewänder. Das pinke Polyamid steht den beiden gut, betont den grazilen Körperbau, der sich plötzlich in der subtropischen Wüste von Afrika befindet. Negerkuss? Der Begriff ist genauso tabu wie Zigeunerschnitzel. „Soll ich jetzt etwa „Maximalpigmentierter Hohlraumschaumkörper mit Migrationshintergrund“ sagen?“ Was über die Lippen kommt ist schräg, schräger, Mundstuhl. Und eines ist für Dragan sicher: „Ich bin krasser als Chuck Norris. Der hat als Kind einen Priester missbraucht. Du bist zweimal mehr behindert wie du.“ Das Publikum brüllt vor Lachen. In solchen Momenten muss sich selbst Ande Werner schmunzelnd vom Publikum abwenden, um sich wieder einzukriegen. Gesagt, getan.

Schon stehen die beiden Friedensaktivisten Torben und Malte von No Pressure auf der Bühne, die sich gegen die ach so fiesen Fischernetze aussprechen. „Fischstäbchen können die Schleppnetze ja gar nicht sehen. Wie denn auch? Sie haben eine Panade drüber. Jetzt kümmern sich Torben und Malte um Blauwale im Rhein und Main. „Leider kann unsere neu gegründete Ortsgruppe Rhein-Main nicht wirklich viel erreichen. Hier gibt’s keine Blauwale.“ Macht nix. Einen Augenblick später stimmen Torben und Malte ihre „Ode ans Klabusterbärchen“ an. „Dein Königreich ist der Po.“

Schon gewusst? Der Club 27 hat ein neues Mitglied. Daniel Kübelböck ist ebenfalls mit nur 27 Jahren gestorben, so wie wie Rocklegende Janis Joplin und viele andere 27-jährige Musiker. „Ach was. Bei Kübelböck war das doch nur eine Übersprunghandlung“, sagt Niedereichholz. Das zieht. Hunderte lachen. Langer Applaus für knapp zwei Stunden ultraschräge Hardcore-Comedy zum Ablachen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen