Moderne Jesus-Passion führt mitten in die Zeit Jesu

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Erschütternde Passion: Ein Gesamtkunstwerk der vereinten Chöre der Schlosskirche, der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben u
Erschütternde Passion: Ein Gesamtkunstwerk der vereinten Chöre der Schlosskirche, der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und der vier Solisten unter der Leitung von KMD Sönke Wittnebel. (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Auch wer eineinhalb Wochen zuvor in Langenargen den Ausführungen des Komponisten Oskar Gottfried Blarr über seine „Jesus-Passion“ zugehört hatte, hat sich kaum die Emotionalität und Dramatik vorstellen können, die dann bei der Aufführung am Karfreitag in der randvollen Schlosskirche in Friedrichshafen zu erleben war.

Alles hat gestimmt: die von Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel bestens einstudierten Chöre – die Kantorei wie die jungen Sänger aus Jugendchor, Mädchen- und Jungenkantorei an der Schlosskirche –, die ebenso stimmige Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben KBO wie auch die vier Solisten, die die teilweise mörderischen Partien bewundernswert meisterten. Ungewöhnlich eindringlich waren Gesang, Instrumentierung und Sprache, mit denen Blarr in einer raffinierten Synthese aus Urklängen der Zeit Jesu und zeitgenössischer Musik die Tempelmusik nachempfunden hat, wie sie der Talmud beschreibt.

Auf den sorgfältig erforschten Spuren der Tempelmusik hat Blarr seine oratorischen Szenen aufgebaut, wenn er mit dem Flügelhorn die Schofar-Rufe aufnimmt, wenn er in „theologischer Instrumentierung“ mit sechs Pauken Gottes Donnerstimme, mit drei Unisono-Posaunen die „eherne Stimme des Messias“ rufen lässt. Ganz anders ist die Instrumentalfarbe der fünf Flöten, mit denen er eingangs irreal flirrend das „Fest des Wasserschöpfens“ feiert, der Crescendo-Taumel, mit dem er die in der Volksseele verankerte Messias-Erwartung charakterisiert, oder die reine, ungewöhnlich hohe Stimme des Engels, der Jesus am Ölberg besucht.

Erfahrung aus dem KZ

Anders als in anderen Passionen hat Blarr nicht ein Evangelium vertont, sondern Urtexte aus dem Alten Testament, aus dem Talmud und jüdische Gegenwartslyrik zusammengeführt. Darunter ist ein Text aus dem „Requiem“ von Alfred Kittner, der in die äußerste Zerrissenheit und Einsamkeit des Gekreuzigten Erfahrungen aus dem KZ einbringt. Eindringlich führten unter Wittnebels Leitung die Kantorei und zu gegebener Zeit die Jugendlichen in die Grenz-Erfahrungen zwischen dem Jubel des Palmsonntags und der Zerrissenheit am Ölberg. Auch wenn meist Hebräisch gesungen wurde war die musikalische Umsetzung so direkt erfahrbar, dass man sich ins Geschehen hineinversetzt fühlte. Differenziert kamen die Kontraste im Chorgesang herüber, ebenso farbig haben die Musiker die Urgewalt der Instrumentierung gestaltet. Fasziniert lauschte man dem archaischen Klang im Tutti, ebenso den Ferntrompeten, den im Raum verteilten Bläsern oder den Solostimmen im Orchester wie dem Flügelhorn.

Sehr stimmig war das Solistenquartett besetzt: Bravourös stieg die Sopranistin Haeyoung Shin in höchste Höhen und berührte zugleich mit lyrischer Innigkeit, ergreifend sang die Altistin Elisabeth Graf ihre Soli, jubelnd kündigte Tenor André Khamasmie den Messias an, dem Thomas Fleischmann schon vor zehn Jahren seinen markanten tiefen Bass geliehen hatte – mit großer Charakterisierungskunst wechselte Fleischmann in so gegensätzliche Rollen wie Jesus und den gnadenlosen Hohepriester. Ein nachhaltiges Ereignis, passend ins Jubiläumsjahr.

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