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Machen Front gegen sexuelle Ausbeutung: (von links) Moderatorin Sabine Jung-Baß, Ex-Prostituierte Sophie, Veronika Wäscher-Göggerle (Frauen- und Familienbeauftragte des Bodenseekreises), Katrin Staudinger (Gleichstellungsbeauftragte der ZU), Kriminalhauptkommissar Norbert Mohr, Kampagnen-Initiatorin Lena Reiner, Verena Keck von der AG zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung und die städtische Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Pfrommer-Telge. (Foto: PBild: Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Ein Thema, das betroffen macht. Ein Thema, bei dem man nicht wegsehen kann. Sexuelle Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anzuprangern und endgültig aus der Tabuzone herauszuholen, darum geht es der Fotografin Lena Reiner auch beim zweiten Teil der Kampagne „Not for sale“. Nach dem Start einer weiteren Plakataktion wurde jetzt auch zum zweiten Mal zu einer Podiumsdiskussion in die „Black Box“ der Zeppelin Universität eingeladen. Dass das Gewaltpotential im Umfeld der Prostitution mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden muss, darin waren sich die Experten verschiedener Bereiche einig. Vielfach wurde auch die Einführung des „Nordischen Modells“ zur Bekämpfung der Prostitution gefordert.

„Menschen sind nicht käuflich und dürfen keine Ware sein“, so der klare Standpunkt von Katrin Staudinger, Gleichstellungsbeauftragte der Zeppelin Universität, die zusammen mit Brigitte Pfrommer-Telge in den Abend einführte. Es gebe zwar kaum belastbare Daten in Bezug auf die Prostitution, erklärt die städtischen Gleichstellungsbeauftragte. Es sei aber davon auszugehen, dass in Deutschland rund 400 000 Personen von sexueller Ausbeutung betroffen seien, davon seien 93 Prozent weiblich. 1,2 Millionen Männer träten als Käufer sexueller Dienstleistungen auf und insgesamt werde mit der Prostitution ein Jahresumsatz von 14,5 Milliarden Euro gemacht, so Brigitte Pfrommer-Telge. „Nirgendwo ist es so einfach wie in Deutschland, eine Frau zu kaufen“, sagt sie. Prostituierte seien zu 90 Prozent Osteuropäerinnen, die mit falschen Versprechung nach Deutschland gelockt worden seien und vielfach unter menschenunwürdigen Bedingungen lebten.

Der Kauf sexueller Dienstleitungen sei allgegenwärtig – gerade auch in Friedrichhafen, wo rund 300 Prostituierte ihrem Gewerbe nachgingen - und sei letztlich so einfach wie ein Gang zum Steuerberater oder ein Friseurbesuch, betont Moderatorin Sabine Jung-Baß. „Verdrängen hilft nicht“, so die Meinung der Kampagnen-Initiatorin Lena Reiner. Sexkauf sein generell zu kriminalisieren, die Übergänge zwischen der Ausbeutung von Jugendlichen und Erwachsenen seien fließend. Auch sie selbst habe sexuelle Gewalt erfahren, sagt Lena Reiner.

Man dürfe sehr dankbar sein, dass die Stadt Friedrichshafen inzwischen Streetworker einsetze, die sich um Prostituierte kümmerten, berichtet Veronika Wäscher-Göggerle, Familien- und Frauenbeauftragte des Bodenseekreises. Wünschenswert wäre aus ihrer Sicht in einem weiteren Schritt auch das Bemühen, Ausstiegswilligen bei Wohnungs- und Jobsuche zu helfen. Wie schwer es sei, das „Darknet“ zu durchforsten und Straftäter – wie etwa im Bereich der Kinderpornographie – zu erwischen, davon spricht Kriminalhauptkommissar Norbert Mohr. Vielfach habe man auch mit Personalproblemen zu kämpfen. „Und wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung. Aber da muss der Gesetzgeber dran arbeiten“, sagt er. „Die Täter werden immer jünger“, weiß Verena Keck von der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung ECPAT Deutschland. Sie sieht aber auch positive Signale: „Die Augen der Menschen sind heute geöffneter als noch vor Jahren“, ist ihre Einschätzung.

Berührend auch die Einblicke von Sophie, einer jungen Frau, die den Ausstieg aus der Prostitution mittlerweile geschafft hat. In eine „disfunktionale Familie“ hineingeboren sei sie früh mit sexueller Gewalt konfrontiert, mit 14 selbst brutal vergewaltigt worden und wie selbstverständlich im Teufelskreis von Drogen und Prostitution gelandet. „Dass Zuneigung und Liebe gekauft werden, das war für mich lange Zeit normal“, sagt sie. Mittlerweile hat sie Halt im Glauben gefunden und ist froh, dass sie ihr Abitur nachmachen kann.

Noch ein Nachsatz: Das Publikum der Podiumsdiskussion war in der Mehrheit überwiegend weiblich. Aber das war keine wirkliche Überraschung.

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