„Manche melden sich schon vor dem ersten Praxisbesuch“: So schwer ist es, am See eine Hebamme zu finden

 Melanie Kolb-Embacher, Kerstin Aach-Keller und Anne Buckenhofer (kleine Bilder, von links) sind alle drei Hebammen am Bodensee.
Melanie Kolb-Embacher, Kerstin Aach-Keller und Anne Buckenhofer (kleine Bilder, von links) sind alle drei Hebammen am Bodensee. (Foto: Holger Hollemann/dpa/Privat)
Redakteurin

Der erste Schrei hallt durch den Kreißsaal. Es ist das erste Mal, dass die Eltern ihr Kind im Arm halten: Die Geburt eines neuen kleinen Menschen ist wohl unbestritten etwas ganz Besonderes. Damit sie sicher ablaufen kann, ist eine Hebamme unverzichtbar. Doch der Beruf hat einen schweren Stand. Eine hohe Arbeitsbelastung steht im Kontrast zu schlechter Bezahlung. Hinzu kommt die Schließung von vielen Kreißsälen. Das hat Auswirkungen auf werdende Mütter, die nicht selten noch vor dem ersten Arztbesuch auf Hebammensuche gehen müssen, um ihre Versorgung zu sichern.

165,60 Euro bekommt eine Hebamme nach dem Vergütungsverzeichnis pauschal für eine Geburt. „Wenn diese länger als eine Stunde dauert, dann bekommen wir im Halbstundentakt nochmal 20 Euro obendrauf. Das heißt, wenn die Geburt zum Beispiel acht Stunden insgesamt dauert, dann haben wir 320 Euro verdient plus die 165,60 Euro Geburtspauschale – also insgesamt knappe 500 Euro. Allerdings reden wir hier natürlich von Brutto-Preisen“, sagt Melanie Kolb-Embacher, die als freiberufliche Hebamme an der Asklepios Klinik in Lindau arbeitet. Das bedeutet, dass sie an einen festen Dienstplan gebunden ist, die Dienste jedoch direkt mit den Krankenkassen und nicht mit dem Krankenhaus abrechnet.

„Viel Verantwortung“

„Der Bezahlung gegenüber stehen Dienste, auch am Wochenende oder nachts, mit viel Verantwortung für Mutter und Kind und mit teilweise hoher Arbeitsbelastung. Gerade in großen Kliniken ist die Betreuung von zwei oder mehr Frauen gleichzeitig keine Seltenheit“, fügt sie an.

Auch was alles an Ausgaben für eine Hebamme anfällt, rechnet Melanie Kolb-Embacher vor. „Im Jahr zahlen wir momentan 11 500 Euro an Haftpflichtversicherung. Durch einen seit vier Jahren bestehenden Sicherstellungszuschlag bekommen wir vom Staat im Nachhinein knappe 50 Prozent davon zurückerstattet. Dann sind es also noch knapp 6000 Euro, die wir selbst bestreiten müssen“, schildert sie.

Erst dann darf man anfangen, Geld zu verdienen. 

Melanie Kolb-Embacher

Obendrauf kämen noch jede Menge kleine Beträge, fügt die Hebamme an. „Man kann nämlich nur mit den Krankenkassen abrechnen, wenn man auf einer entsprechenden Abrechnungsliste steht. Dafür ist es dann sinnvoll, Mitglied im Hebammenverband zu sein – für 400 Euro im Jahr. Und dafür müssen wir uns dann wiederum bei der Berufsgenossenschaft melden, für knapp 200 Euro im Jahr. Erst dann darf man anfangen, Geld zu verdienen“, sagt sie.

Warum es so einen Fachkräftemangel in der Branche gibt, fasst Melanie Kolb-Embachers Kollegin Kerstin Aach-Keller zusammen. Sie ist ebenfalls freiberufliche Hebamme, arbeitet jedoch nicht am Krankenhaus in Schichten, sondern in einer eigenen Praxis in Wasserburg im Bereich der Vor- und Nachsorge sowie in Geburtsvorbereitungskursen.

„Ich glaube, zu 95 Prozent ist es eine Frage des Geldes. Die Summen, die man für Haftpflicht-, Renten- und Krankenversicherung ausgeben muss, aber auch für Miete, wenn man wie ich Praxisräume hat, muss man erst einmal wieder erwirtschaften. Und wenn man sich dann unsere Gebührenverordnung anschaut, dann muss man sehr viel arbeiten, um irgendwie bei einem Plus herauszukommen“, sagt sie. „Ungefähr die ersten zehn Geburten, die ich im Jahr begleite, decken meine Kosten für Haftpflichtversicherung und Mitgliedsbeiträge. Danach fange ich an, Geld zu verdienen. Davon müssen dann natürlich wieder Kranken- und Rentenversicherungen abgezogen werden“, erläutert Melanie Kolb-Embacher.

Wochenbettbesuch für 20 Minuten?

Auch für Hebammen in der Wochenbettbetreuung ist das Geld-Verdienen ihr zufolge schwierig. Ein Wochenbettbesuch dauere laut Krankenkasse 20 Minuten – und so werde er auch bezahlt. „Die Realität sieht oft anders aus und so dauern die ersten Besuche nach der Geburt meistens länger als eine Stunde. Hinzu kommen teils lange Anfahrtswege und hohe Benzinpreise“, berichtet Kolb-Embacher.

Dass der Hebammenmangel so krass ist, das hätte ich nicht gedacht. 

Hannah Böttcher

Dass der aus den Arbeitsbedingungen resultierende Hebammenmangel zu einem ganz realen Problem für Schwangere werden kann, hat die Lindauerin Hannah Böttcher am eigenen Leib erfahren. „Ich war in der achten Woche, als beim Gynäkologen die Schwangerschaft festgestellt wurde. Ich bekam dann eine Liste mit möglichen Hebammen mit nach Hause und habe anderthalb Wochen später – also in der zehnten Woche – angefangen, diese abzutelefonieren“, schildert sie. Doch keine hätte einen Platz für sie gehabt. Böttcher arbeitet selbst als Kinderkrankenschwester auf einer Frühchenstation. „Ich habe also durchaus Berührungspunkte mit diesem Berufsfeld, aber dass der Hebammenmangel so krass ist, das hätte ich nicht gedacht. Ich war etwas geschockt, um ehrlich zu sein“, sagt sie.

Wie schwierig es sein kann, eine Hebamme zu finden, hat die Lindauerin Hannah Böttcher selbst erfahren müssen. (Foto: Privat)

Hannah Böttcher hatte schlussendlich Glück und fand über den Geburtsvorbereitungskurs in Kerstin Aach-Keller die eine Hebamme, die sie noch dazwischenschieben konnte. „Aber ich weiß auch von anderen, dass die Suche für sie ähnlich problematisch war“, sagt sie.

Was die Unterversorgung „befeuert“

Die Langenargener Hebamme Anne Buckenhofer kennt diese Thematik aus ihrer Berufspraxis in der Tettnanger Klinik und in der Vor- und Nachsorge nur zu gut. „Letztens rief mich eine Frau an, dass sie und ihr Mann das zweite Kind planen und fragte, wann ich im Urlaub sein werde, um sich danach zu richten“, berichtet sie aus ihrem Alltag. Für Buckenhofer ist klar: „Jede Frau hat das Recht auf Betreuung. Und wir wünschen uns sehr, dass jede Frau so viel Betreuung bekommt, wie sie braucht. Doch die Politik schließt immer mehr Häuser und die Bezahlung der Hebammen ist schlecht – das befeuert die Unterversorgung enorm.“

Dabei könne die Betreuung durch eine Hebamme im Wochenbett so wertvoll sein, ergänzt Melanie Kolb-Embacher. Rückbildung bei der Mama, Stillen, Gewichtszunahme beim Baby oder die Neugeborenengelbsucht sind nur einige Themen, derer sich die Hebamme annimmt. „Wer keine Hebamme gefunden hat, ,wurstelt’ sich selbst durch oder geht zum Kinderarzt. Deren Praxen sind aufgrund des Hebammenmangels oft überlastet. Außerdem könnten viele Schwierigkeiten bei frühzeitigem Erkennen meist einfach behoben werden und vor allem, ohne bleibende Schäden bei Mutter oder Kind“, erklärt Melanie Kolb-Embacher.

Werdende Mütter kommen aus einem großen Umkreis

Zu Anne Buckenhofer und ihren zwölf Kolleginnen in Tettnang kommen die Schwangeren mittlerweile aus Biberach, Konstanz, Waldsee, Singen und Überlingen. Trotz der ständigen Überlastung sei es in diesem Beruf schwierig „Nein“ zu sagen, „wenn man eine weinende Schwangere am Telefon hat“, sagt sie.

Auch Kerstin Aach-Keller kennt diese Anfragen. „Viele Frauen melden sich sehr früh bei mir. Manchmal schon vor dem ersten Praxisbesuch beim Gynäkologen“, berichtet sie. Bis zu sechs Frauen nimmt die freiberufliche Hebamme pro Monat an.

Ich frage mich immer, warum man mit dem Beginn des Lebens so stiefmütterlich umgeht

, sagt Anne Buckenhofer in Richtung der Politik. Nicht ohne Grund: Denn immer wieder gibt es große Diskussionen um den Umgang mit dem Hebammen-Beruf in Deutschland. Gerade erst sorgte Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit dem Plan, die Hebammen bis 2025 aus dem Pflegebonus zu streichen, für Aufruhr. Eine Petition und 1,4 Millionen Unterschriften später nahm er dieses Ansinnen der Ampelkoalition zurück.

Anne Buckenhofer hat im August dieses Jahres ihr 40-jähriges Dienstjahr feiern können. Die 59-Jährige äußerte bereits mit zwölf Jahren den Wunsch, Hebamme zu werden. „Ich sehe es bis heute als unwahrscheinliches Geschenk an, Geburten zu begleiten“, sagt sie. Dass sie trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen bis heute nicht an Leidenschaft für ihren Beruf verloren hat, wird sehr deutlich, wenn sie beschreibt, was es dafür braucht: „Ganz viel Liebe, Wissen, Empathie, keine Angst und wahnsinnig viel Respekt.“

„Todmüde, aber alle Mühe wert“

Auch Kerstin Aach-Keller sagt, es sei eben „die Arbeit, die ihr wirklich Spaß mache. Die Frauen in dieser besonderen Zeit zu begleiten und die Wertschätzung, das ist einfach wundervoll.“ Melanie Kolb-Embacher ergänzt: „Wenn man Sonntagmorgen um halb drei todmüde im Kreißsaal steht, aber eben neben der Frau, die gerade ihr Baby geboren hat, dann ist es alle Mühe wert.“ Der Job werde nicht langweilig, sind sich alle einig, und Kerstin Aach-Keller meint abschließend: „Es ist immer wieder ein Wunder.“

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