Lydia Schäfer

Klassiker in das Gewand der Volksbühne kleiden und mit dem Witz des Zeitgeistes versehen – das ist die Stärke des Kölner N.N. Theaters. Seit vielen Jahren sind sie zu Gast auf dem Kulturufer und haben hier eine große Fan-Gemeinde. Diesmal haben sie ein düsteres Stück Literaturgeschichte mitgebracht. „Das kalte Herz“ nach der Erzählung von Wilhelm Hauff in Märchenform, geschrieben zur Zeit der Romantik, in der die Sehnsucht nach dem Glück im Mittelpunkt steht, umrankt von mystischen und düsteren Gestalten.

Eine Tanne auf der Bühne ersetzt den ganzen Schwarzwald. Aus dem geschmiedeten Baumstamm ranken Astwerk und – je nach Bedarf – Fahnen, das Glasmännlein oder die schöne Lisbeth. Das N.N. Theater besticht nicht nur durch sein Spiel oder die selbstkreierte Tontechnik, sondern auch durch seinen variablen Bühnenaufbau.

Mit wenigen Mitteln gelingt es den Darstellern immer wieder, die Zuschauer in ein anders Szenario zu entführen. Dafür bedarf es einiger weniger Handgriffe am Bühnenbild und aus der Tanne wird die Wirtsstube, in der die besten Tänzer und Tänzerinnen gekürt werden, das Haus des bösen Holländer-Michel oder eben der gesamte Schwarzwald. Denn hier ist Peter Munk (Oliver Schnelker) Zuhause, der Köhler, der die heimischen Glasbläser und Holzhändler um ihren Reichtum beneidet. Als er von seiner Mutter (Michl Thorbecke) erfährt, dass tief im Schwarzwald die Schatzhauserin hausen soll, die jedem Kind, das an einem Sonntag geboren wurde, drei Wünsche erfüllt, macht er sich auf den Weg. Er trifft die Schatzhauserin (Irene Schwarz), die ihm den dritten Wunsch jedoch verweigert, da er sich zuvor nur törichte Dinge gewünscht hat.

Reichtum statt Verstand

Statt Verstand, will er Reichtum, eine Glashütte und dazu noch Pferd und Gespann. Doch im Herzen bleibt er Köhler und kein Geschäftsmann, geht bankrott und steht wieder ganz am Anfang. So verfällt er dem bösen Holländer-Michel, der Erfolg und Reichtum verspricht, wenn er Munks Herz haben darf. Im Austausch gibt es dafür ein Herz aus Stein. Der Erfolg bleibt nicht aus, aber der Preis ist hoch: Zerfressen von Geldgier und Geiz, lässt er seine Mutter verarmen und erschlägt sogar seine Frau Lisbeth (Christine Per). Gut, dass die Schatzhauserin hier noch ihre Finger im Spiel hat, denn letztendlich gewinnt Peter Munk durch eine List sein Herz zurück.

Ein Theaterstück, komplett in Grau- und Rottönen, dazu ein grandioses Schauspiel der Darsteller, ein variables Bühnenbild und fantasievolle Hintergrundtöne – was will der Zuschauer mehr? Dennoch fehlte einem ein wenig die gewohnte Lebendigkeit des N.N. Theaters. Vielleicht liegt es an der Thematik des Stücks, das auch im Original eine eher düstere Erzählung ist, eingebettet in die Geschichte des Wirtshauses im Spessart. Hin und wieder punkteten die Darsteller mit Anspielungen auf die Neuzeit.

Wenn Peter Munk beispielsweise seinen Berufsstand verachtet und die Schatzhauserin ihm antwortetet: „Immerhin ist ein Köhler auch schon Bundespräsident geworden“. Oder wenn der geizige Munk sein Geld zählt und sagt: „Gewinn ist, was netto übrig bleibt und das ist real“, in Anspielung auf die Kaufmarktketten.

Er ist rar gesät, dieser Wortwitz, der das N.N. Theater auszeichnet und Stücke wie „Brandner Kasper“ zu Legenden gemacht hat. Dennoch bleibt im Fazit: Ein Besuch dieses Ensembles lohnt sich immer.

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