Lundberg erzählt von Einschnitten, die alles ändern

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Lundberg erzählt von Einschnitten, die alles ändern
Lundberg erzählt von Einschnitten, die alles ändern (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Lotta Lundberg hat das Publikum gebannt – nicht nur mit ihrem spannenden Roman, sondern auf mit ihrer Offenheit. Die schwedische Autorin hat beim Friedrichshafener Literaturherbst am Sonntag ihren Roman „Zur Stunde Null“ in der Buchhandlung Ravensbuch vorgestellt.

Lotta Lundberg ist eine ungewöhnliche Frau, auch als Autorin. Eine Frau von starker Ausstrahlung und entwaffnender Aufrichtigkeit, die ihre Zuhörer rasch für sich gewinnt, auch weil sie diese nicht vereinnahmt, sondern als gleichberechtigte Partner betrachtet. Ehe sie kleine Ausschnitte liest, will sie erst mal stehen, „sich ein bisschen erden“, und erzählt dabei von sich, vom Roman und seinen Figuren, die die Fragen stellen, die sie sich selbst stellt, ohne dazu Antworten zu liefern: „Hier gibt es keine Antworten.“

Mit einem Stipendium ist die Schwedin 2004 nach Berlin gekommen und geblieben. Ihr sechster Roman ist als Erster auch in deutscher Übersetzung erschienen. „Zur Stunde Null“ deutet auf einen entscheidenden Einschnitt im Leben der drei zentralen Frauenfiguren hin. Sie alle stellen sich existenzielle Fragen: „Tauge ich, liebt mich jemand, wo liegt der Sinn des Lebens?“ Die Frauen leben zu unterschiedlichen Zeiten: 1945, 1984 und 2004. Hedwig lebt als Schriftstellerin in Nazi-Deutschland. Um ein Buch schreiben zu können, stimmt sie zu, dass die Nazis ihre Tochter nach Theresienstadt bringen – „zur Ausbildung“. Erst langsam begreift sie die Tragweite und muss sich fragen: Tauge ich als Schriftstellerin, als Mutter, als Mensch?

Ingrid ist Psychologin und mit einem Pastor verheiratet. Als er eine andere findet, fragt sie sich, was daran so wehtut: „Mein Selbstbild ist zerrüttet.“ Wird sie gehen? Hat sie das Recht, gehen zu dürfen? Isa ist noch ein Teenager. Sie muss zur Psychotherapie. Auch bei ihr geht es um Zukunftsbewältigung. Journalistin will sie werden, eine Stimme im Radio ist ihr Vorbild geworden.

Die Stimme aus dem Radio

Lotta Lundberg verrät nicht, wie die Frauen thematisch miteinander verflochten sind, die Zuhörer sollen ihre Neugier behalten. Doch sie erzählt, dass die Stimme im Radio, die auch sie faszinierte, Elisabeth Langgässer gehörte, dass sie selbst Kontakt mit deren Tochter aufgenommen hatte. Sie erlaubte der Schwedin, die Mutter in einen Roman hineinzunehmen. Die Fragen nach der Vergangenheitsbewältigung, nach dem Umgang mit Schuld beschäftigen die Autorin. Diese Fragen würden in Schweden gar nicht gestellt, erzählt Lundberg ihren Zuhörern in Friedrichshafen.

Die Schriftstellerin spricht fließend Deutsch. Sie erzählt, dann liest sie wieder eine Passage. Ihre Sprache verzichtet auf Adjektive. Lundberg wandert zwischen ihrem Leben und dem ihrer Figuren. Es geht ihr bei allem um ethische Konflikte, um die wirklich wichtigen Fragen. „Ich schreibe auch für mich. Es ist eine Art Gebet, der Versuch, reifer zu sein, mich in eine Person hineinzuversetzen.“

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