Franz Selinger ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Franz Selinger ist im Alter von 103 Jahren gestorben. (Foto: Hildegard Nagler)
Hildegard Nagler

Franz Selinger, international anerkannter Experte für Dornier, Luftfahrt und U-Boote, ist tot. Er starb im Alter von 103 Jahren.

Ein Anruf genügte, und schon hatten Journalisten Antworten auf die kniffligsten Fragen. Die gab Franz Selinger spontan – als wäre er eine lebende Suchmaschine. Und zwar bis ins hohe Alter. Die Erinnerung geht zurück zu einem Anruf bei dem alten Herrn, der anderen mit überaus großem Respekt begegnete, stets bescheiden war und im Hintergrund bleiben wollte. Franz Selinger war damals fast 90 Jahre alt, die Redaktion war auf der Suche nach einem guten Foto des Dornier-Wals. „Geben Sie mir doch besser Ihre E-Mail-Adresse. Dann schicke ich Ihnen das Foto gleich durch.“

Franz Selinger kam am 17. September 1915 in Sternberg im früheren Sudentenland zur Welt. Er hatte sieben Geschwister. Die Begeisterung fürs Fliegen packte ihn, als er als Achtjähriger bei einem Schaufliegen zusehen durfte. Zeit seines Lebens erinnerte sich Selinger an die „wundervollen Doppeldecker, die ich damals gesehen habe“. Fortan saugte er alles, was mit Luftfahrt zu tun hatte, mit Begeisterung auf. Nachdem die Familie nach Wien umgezogen war, begann Selinger in Graz eine Ausbildung zum Piloten, musste diese allerdings aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Also studierte er Elektrotechnik. Wenn schon nicht selbst fliegen, dann wenigstens in die Flugzeugbranche gehen – nach diesem Motto landete Selinger 1938 bei Dornier in Friedrichshafen. 1945 schloss das Unternehmen. Selinger hielt sich und seine Familie als Elektrotechniker über Wasser, kam 1950 zu Siemens, wo er ab 1959 die Ulmer Niederlassung leitete.

Die Verbindung zu Dornier blieb. Das internationale Netzwerk des dreifachen Familienvaters wurde immer größer – wie sein Fachwissen. Beides pflegte er nach seiner Pensionierung im Jahr 1979 weiter. „2002 hat mich die Familie des berühmten Flugzeugpioniers Claude Dornier gefragt, ob ich am geplanten Dornier-Museum in Friedrichshafen mitarbeiten könnte“, erinnerte sich Selinger in einem Gespräch. Er sagte zu.

Der Autodidakt recherchierte mit Geschick beispielsweise die weltweiten Flugrouten der Dornier-„Wale“ – Ganz-Metall-Flugboote, die 20 Weltrekorde allein im Februar 1925 stellten. Abgebildet sind die Routen auf dem Boden des Dornier Museums. Und es gelang ihm, das Schicksal der beiden Dornier-Flugboote Do X2 und Do X3, um die es lange Zeit allerlei Gerüchte gegeben hatte, lückenlos aufzuklären – beide wurden verschrottet. „Ich entdecke immer wieder Neues“, sagte er. „Und ich bin auf der Suche nach der Wahrheit.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen