Jakob Hein, Anna Kim und Norbert Gstrein (von links) - hier vor der Abfahrt auf der Hohentwiel - lasen auf dem "Literaturschiff"
Jakob Hein, Anna Kim und Norbert Gstrein (von links) - hier vor der Abfahrt auf der Hohentwiel - lasen auf dem "Literaturschiff" aus ihren aktuellen Romanen. Bild: Geiselhart (Foto: Picasa)
Brigitte Geiselhart

Warum finden sich Freunde guter Literatur auf dem Wasser besonders wohl? Weil es – gemäß dem Motto des Bodenseefestivals 2018 – zu neuen Ufern geht? Vielleicht. Wie auch immer: Am Freitagabend war es wieder soweit. Das seit langem ausverkaufte „Literaturschiff“ stach in See. Zeit, sich auf der Hohentwiel gemütlich zurückzulehnen und zu lauschen.

Dem Wellengang, den rhythmischen Tönen des Dampfschiffes und vor allem den Protagonisten des Abends – den Schriftstellern Anna Kim, Nobert Gstrein und Jakob Hein. Drei Autoren ganz unterschiedlicher Herkünfte und Ausrichtung, die doch vieles gemeinsam haben und spannende Lesungen präsentieren, die betroffen machen und an Aktualität kaum zu überbieten sind.

Fast zu kitschig, um wahr zu sein: Kurz vor 19 Uhr lässt sich an diesem lauschigen Frühjahrsabend auf der Backbordseite ein wunderschöner Regenbogen blicken. Die Seereise, die literarisch in internationale Gewässer, nach Kanada, Korea und in die Türkei, aber auch auf den Balkan und nach Deutschland führt, kann so richtig Fahrt aufnehmen. Im Salon der Hohentwiel ergreift Jakob Hein das Wort. Was ihn beim Schreiben seiner Geschichte besonders gereizt habe, wird Franz Hoben, stellvertretender Leiter des Kulturbüros, den Autor am Ende seiner ersten Lesung fragen.

Ein Lehrer, dem keiner zuhört

Es sei ihm darum gegangen, zu zeigen, dass die Geschichte ein großer Lehrer sei, aber letztlich keiner zuhöre, wird dieser antworten. Fast 45 Minuten hatte Hein größtenteils auswendig gesprochen, hatte aus seinem neuesten Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ gelesen und dabei seinen Figuren einen spezifischen, immer authentischen Tonfall eingehaucht. Fast ein Schelmenroman, möchte man meinen. Aber es geht um die Schrecken des Ersten Weltkriegs, um Willkür und um den Versuch Wilhelms II., muslimische Kriegsgefangene dazu zu bewegen, in Konstantinopel den Dschihad, also den Heiligen Krieg, gegen deutsche Kriegsgegner auszurufen und damit Deutschland einen schnellen Sieg zu ermöglichen. Bizarr, konstruiert, absurd? Ja – aber wahr, wie Jakob Hein recherchiert hat. Also werden 14 „Mohammedaner“ kurzerhand als Zirkuskünstler getarnt, um sie von Europa aus unbehelligt in Richtung Orient zu verfrachten. Ein Stoff, der bei aller Ernsthaftigkeit im Publikum immer wieder für Schmunzeln sorgt, auch angesichts einer preußischen Verwaltung, die vom Autor als „korrekt bis in die weiteste Sinnlosigkeit“ charakterisiert wird.

Krisen gibt es viele, und sie haben nicht alle den Vornamen Ehe, Flüchtling oder Klima. In Norbert Gstreins Roman „Die kommenden Jahre“ geht es in erster Linie ums Weglaufen. Weglaufen von zuhause, vom Alltag, von der eigenen Ehefrau, vom Älterwerden und letztlich von sich selbst. Mit dem ihm eigenen charakteristischen und nüchternen Tonfall versteht es der gebürtige Tiroler und studierte Mathematiker, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Er erzählt von seinem Hauptdarsteller, einem renommierten Gletscherforscher, und seinen misslingenden Versuchen, sein biblisches Kanaan im ähnlich klingenden Kanada zu finden. Ein Unterfangen, das letztlich zum Running Gag verkommen wird. „Wie kann das Leben weitergehen, wenn die Mitte überschritten ist und sich trotzdem noch einmal alles radikal ändern soll?“ Eine zentrale Frage, der sich nicht nur der Romanheld zu stellen braucht.

Mittlerweile ist die Sonne über dem See untergegangen. Anna Kim liest sehr einfühlsam aus ihrem Roman „Die große Heimkehr“. Hanna, die als Kind von Deutschen adoptiert worden war, reist nach Seoul, auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern, nach ihren koreanischen Wurzeln. Keine leichte Kost, dafür ein intensives Geschichtspanorama aus Zeiten des heißen und kalten Krieges, das die gegenseitig zugefügten Gräuel und die unfassbar schmerzvolle Trennung eines Volkes in großen Bildern und erschreckend plastisch vor Augen führt. Ist der Süden gut und der Norden böse? Nein, die Welt ist zu kompliziert, um sie nur in schwarz und weiß zu malen.

Fast fünf Stunden sind vorbei. Doch von Langatmigkeit oder gar von Langeweile war nichts zu spüren. Die Hohentwiel kehrt nach Friedrichshafen zurück.

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