Die Stadt hat keine professionelle freie Theaterszene, das Kulturprogramm für jüngere Zielgruppen reicht noch nicht aus und es gibt nur wenige Pop- und Rockkonzerte international bekannter Stars in Friedrichshafen. Der Bericht zum Stand des Kulturentwicklungskonzepts redet nicht um den heißen Brei herum. Am Mittwoch, 11. April, wird er um 16 Uhr im Kultur- und Sozialausschuss vorgestellt.

Vorschläge, wie sich das Kulturleben in der Stadt künftig entwickeln sollte, finden sich darin noch nicht. Sie sollen in einem zweiten Schritt erst entwickelt werden. Aufschlussreich ist aber die erarbeitete Liste der Stärken, Schwächen und Chancen. Besonders aus den Chancen und Schwächen lässt sich ablesen, wo die Verwaltung noch Entwicklungsbedarf ausmacht. Deshalb lohnt es sich, sie in den Blick zu nehmen.

Jazz auf schwachem Fundament

Gut steht die Jazzmusik da. An Auftritten regionaler und internationaler Musiker gibt es keinen Mangel. Die Situation des veranstaltenden Vereins Jazzport ist dagegen verbesserungswürdig. So ist es laut Vorlage problematisch, dass die „Jazz am Donnerstag“-Konzerte in der Gaststätte Amicus im Fallenbrunnen stattfinden. Dadurch sei das Jazzangebot vom wirtschaftlichen Erfolg des Gastgebers abhängig: „Jazzport kann im ungünstigsten Fall von heute auf morgen vom Wirt gekündigt werden.“ Außerdem habe der Verein eine geringe finanzielle Absicherung. Hier kann man anfügen: Jazzport bekommt von der Stadt bislang lediglich 2500 Euro pro Jahr im Rahmen der regulären Vereinsförderung. Zudem hat das Kultusministerium Baden-Württemberg vor einem Jahr neue Richtlinien zur Jazzförderung beschlossen, durch die Jazzport finanziell auszubluten droht.

In der Popmusik fehle es Friedrichshafen an Konzerten bekannter Stars sowie an einer „konkurrenzfähigen Open Air-Veranstaltung“. Mit Blick auf das Limp Bizkit-Konzert im August vor dem GZH könnte sich diese Einschätzung bald ändern. GZH-Leiter Matthias Klingler will sommerliche Open Air-Konzerte zur festen Einrichtung machen. Laut Vorlage mangelt es Friedrichshafen auch an Konzerten im Bereich der Independent-Popmusik.

In der bildenden Kunst gibt es organisatorisch starke Akteure wie das Zeppelin-Museum, die ZF-Kunststiftung und das Artsprogram der ZU. Im ehrenamtlichen Bereich – hier kann man Kunstverein, Plattform 3/3, Kunst in Kluftern und auch die Galerie Lutze nennen – sei das Engagement aber oft an einzelne Personen gebunden. Damit steht es freilich auf nicht sehr stabilen Beinen.

Rein ehrenamtlich arbeitet auch das Kino Studio 17 des Kulturvereins Caserne. Diese Arbeitsweise mache den „potenziellen Ausbau des Angebots derzeit unmöglich“.

Stadt mit vielen Festivals

Mit Festivals ist Friedrichshafen reichlich ausgestattet: Kulturufer, Filmtage, Jazz & More, Bodenseefestival, Seekult, Theatertage am See, Lange Nacht der Musik, City of Music, FAB-Festival, Kunstfreitag, Wunderwelten, Orgelherbst, Sommerkonzerte in der Schlosskirche und Literaturherbst hat die Stadt zu bieten. Sind es vielleicht zu viele Festivals? Im Sachstandsbericht wird befürchtet, sie könnten einander Konkurrenz machen. Der Literaturherbst liegt abseits dieser Bedenken, scheint aber keine Zukunft zu haben: „Als Festival hat sich der Literaturherbst nicht durchgesetzt und wird voraussichtlich eingestellt.“

Für Menschen mit Migrationshintergründen müsste es laut Sachstandsbericht mehr Kulturangebote geben. Ambivalent wird dagegen das Angebot für Studenten betrachtet. Zwar gäbe es in Friedrichshafen keine Clubszene und auch die Kneipenkultur sei schwach ausgeprägt. Andererseits sei es schwierig, die Studenten zu erreichen. Der „richtige Kommunikationsweg“ müsse noch gefunden werden. In Sachen Öffentlichkeitsarbeit haben laut Bericht vor allem die Kulturvereine aufzuholen. Weil es ihnen für Werbung an Geld fehle, falle es ihnen schwer, mit ihren Angeboten wahrgenommen zu werden. Zudem fehle ihnen eine gemeinsame Plattform für Kulturtermine und Ideenaustausch. Auch eine Koordinierungsstelle für Kulturvereine wird vermisst.

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