Liebeserklärung an einen einfachen Menschen

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 Egger (links) verliert immer wieder alles. Aber er lebt einfach weiter.
Egger (links) verliert immer wieder alles. Aber er lebt einfach weiter. (Foto: Harald Ruppert)

Seine Mutter wurde von der Schwindsucht dahingerafft. Sein Onkel lässt ihn schuften, verdrischt ihn und bricht ihm dabei das Bein. Fortan ist Egger, wie er lieblos beim Nachnamen genannt wird, ein humpelnder Krüppel.

Egger ist langsam im Kopf, aber alsbald bärenstark. Beim Seilbahnbau, der die Moderne in sein Alpendorf bringt, packt er an wie sonst keiner. Hoch droben, wo den Bäumen das Wachsen vergeht, scheint er dann sein kleines Glück zu finden. Er pachtet mit dem Verdienten einen Schober, legt einen Garten an, findet sogar eine Braut: Marie. Aber eine nächtliche Lawine entreißt sie ihm, und dann wird Egger in Hitlers Krieg gerissen. In den Kaukasus schickt man ihn, und schon nach ein paar Tagen weiß er nicht mehr, „wofür und gegen wen“. Bald nimmt die Rote Armee ihn fest, acht Jahre lang steckt er in eisiger Gefangenschaft, und als er in sein Dorf zurückkehrt, stellt er lakonisch fest: „Der Bürgermeister ist kein Nazi mehr“. Es ist natürlich derselbe Bürgermeister wie früher.

Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“ ist eine Liebeserklärung an einen einfachen Menschen, dem es gelingt, nicht zu verbittern. Egger erwartet nicht sehnsüchtig das Ende seines 79-jährigen Lebens. Noch als er vornüber sinkt und sein Kopf auf der Tischplatte liegt, hofft er, dass es weiter geht: „Geduldig wartete er auf den nächsten Herzschlag. Aber er kam nicht.“

Das Landestheater Schwaben aus Memmingen macht den Roman zu unverkitschtem Volkstheater. Man meint, einen Stoff von Franz Xaver Kroetz vor sich zu haben - nur verzichtet Regisseurin Jana Milena Polasek auf plakativ dargestellte Derbheiten. Der Theaterabend wird so dem Erzählton des Romans gerecht, der Eggers Leben aus seinem inneren Empfinden heraus wiedergibt. Einem Ton, der sich aus seiner Wehrsamkeit einerseits und seiner Fügsamkeit in die Gegebenheiten andererseits ergibt. Zur Kargheit dieses Lebens passt es, dass bis auf wechselnde Kostüme und einer Alpenkulisse auf Requisiten verzichtet wird. So gelingt ein Stegreiftheater, in dem die Schauspieler aus dem Wenigen, was da ist, das Beste machen; ganz wie Egger.

Einfach ist diese Übertragung von der Buchseite auf die Bühne trotzdem nicht, denn es mangelt an dem, wovon Theater lebt: Dialogen. Romanschriftsteller sind keine Dramatiker, und so sind Sandro Sutalo, Claudia Frost, David Lau und Klaus Phillip über weite Strecken Rezitatoren, die ihre langen Textstücke auflockern: Wenn Unheil droht, fügen sie sich zum deklamierenden Chor wie in der griechischen Tragödie. Oder es wechselt mitten im Satz der Sprecher. Es sind gelungene Versuche, die keine Monotonie entstehen lassen, aber auf Dauer wirken diese Belebungen auch wahllos.

Keineswegs ins Wahllose driftet die Strategie, immer wieder einen anderen Darsteller den Egger spielen zu lassen. Denn sein Gravitationszentrum findet er trotzdem: in Sandro Sutalo. Ganz schlicht gelingt ihm dieser anrührend unbeholfene Kraftmensch mit der kindlichen Note.

So mancher Gast, der bereits Robert Seethalers Roman gelesen hatte, wird von Egger nach diesem Theaterabend ein neues Bild haben. Das Bild von Sandro Sutalo.

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