Die Menschen mit Behinderung verstehen es, zu feiern.
Die Menschen mit Behinderung verstehen es, zu feiern. (Foto: Diakonie Pfingstweid)
Schwäbische Zeitung

Einlass. Endlich! Jeder zahlt selbst, auch wenn’s mal länger dauert, das gehört einfach dazu. Wer drin ist, holt sich eine Nummer und klebt sie sichtbar auf Bluse, Kleid, Hemd oder Pulli. Die Nummer ist wichtig, über sie kann man jemandem Nachrichten diskret zukommen lassen oder auch erhalten. Zur Nummer gesellt sich ein selbstgewähltes farbiges Herz. Rot heißt: „Glücklich vergeben, reden erlaubt“, gelb: „Ich möchte nur flirten“ und grün: „Ich bin auf der Suche nach einem Partner“. Nadine, 20 Jahre, aus Tettnang, hat sich für ein gelbes Herz entschieden. „Ich will nur Spaß haben, nichts Kompliziertes“, lacht sie. Sie tanzt gern, lässt keine Gelegenheit aus. Doch dieser Abend ist etwas Besonderes. „Weil man mal neue, andere Leute kennenlernt.“

Tanzen, reden, lachen, flirten – und das eben mal mit anderen Menschen als jenen, die man jeden Tag auf der Wohngruppe oder bei der Arbeit sieht. Genau das war die Idee und weil die Singleparty für Menschen mit Behinderung im Februar so gut ankam, hat die Diakonie Pfingstweid in Kooperation mit den Zieglerschen., der Tanzschule No. 10, der Stiftung Liebenau und der Lebenshilfe Bodenseekreis vergangenen Samstag die zweite Singleparty in diesem Jahr veranstaltet. „So gut wie alle, die auf der letzten Singleparty waren, haben sich wieder angemeldet – und noch viele mehr“, freut sich Alessa Widmann von der Diakonie Pfingstweid . und Devica Marquardt von den Zieglerschen. bemerkt: „So eine Tanzschule bietet dafür einfach den passenden Rahmen. Das wäre in einer Behinderteneinrichtung nicht dasselbe.“

Die Gäste kommen auch diesmal wieder aus der gesamten Region, zusammen mit rund 30 Begleitpersonen, die ihnen Sicherheit geben und sie unterstützen.

Während sich der mit Luftballons bunt geschmückte Tanzsaal füllt, grooven sich Nadine und weitere Tänzer schon auf die bekannten, meist deutschsprachigen Hits ein. Auch Sebastian, 30 Jahre, aus Ravensburg, ist auf der Tanzfläche. Ob er Vorlieben hat? „Ich tanze alles“, sagt er selbstbewusst. Einige sind ja in Übung, besuchen zweimal pro Monat einen Linedance-Kurs, der ebenfalls in der Tanzschule No. 10 stattfindet. Auf der Singleparty ist das Tanzen aber kein Muss. Der 33-jährige Stefan aus Überlingen zum Beispiel unterhält sich lieber. Er trägt ein grünes Herz, ist also auf der Suche. „Ich bin schon seit zehn Jahren Single. Vielleicht klappt’s ja heute Abend“, hofft er und lauscht der Durchsage an Nummern, denn schon liegen jede Menge Nachrichten zum Abholen bereit. Für ihn ist noch nichts dabei. Dafür strahlt Nadine. Sie hält gleich zwei Nachrichten in der Hand. Neben ihr steht Bernd, aus Friedrichshafen, 50 Jahre, und freut sich mit ihr. Hat er einen der Zettel geschrieben, ihr Komplimente gemacht? „Vielleicht“, schmunzelt er.

Synchron im Takt

Der Abend ist schon fortgeschritten, da bittet Tanzlehrer Andreas Sieber übers Mikrofon um Aufmerksamkeit, springt in die Menge und leitet die Gruppe spontan zum Linedance an. Kurz darauf bewegen sich der Saal synchron im Takt: „Eins, zwei, drei nach vorn, eins, zwei, drei rückwärts, nach links und nach rechts“, zählt Sieber. Kopf und Körper, Musik und Bewegung, alles wogt im Einklang.

Der Abend ist ein Erlebnis, das noch die gesamte Woche für Gesprächsstoff in den Wohngruppen sorgen wird. Und schließlich in Vorfreude auf die nächste Singleparty übergeht.

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