Aus seinem jetzt in zweiter Auflage erscheinenden Buch "Schwarzbuch Waffenhandel" las Jürgen Grässlin am Samstagabend in einer V (Foto: Siegfried Großkopf)
Schwäbische Zeitung
Siegfried Großkopf

Einer der profiliertesten Rüstungsgegner Deutschlands, Jürgen Grässlin, hat am Samstagabend in der Häfler Erlöserkirche mehr als 50 Zuhörer betroffen gemacht. In einer Veranstaltung von „Pax Christi“, der internationalen katholischen Friedensbewegung, las er aus seinem aktuellen „Schwarzbuch Waffenhandel“, dessen zweite Auflage in Vorbereitung ist.

Darin schildert er illegale Waffenexporte und deren Konsequenzen, die Verstrickung deutscher Politik samt Industrie in kriegerische Auseinandersetzungen und gibt den Opfern eine Stimme. Grässlin fordert ein Ende der Waffenproduktion und des Waffenhandels, bei dem Deutschland in Europa führend ist und weltweit an dritter Stelle liegt. Die Industrie ruft er zur Rüstungskonversion auf, der Umstellung auf zivile Produktionen.

In einer Umfrage haben sich 78 Prozent der Deutschen für einen vollständigen Stopp des Waffenhandels ausgesprochen. „Die Deutschen wollen das nicht“, stellte der Pädagoge, Publizist und Pazifist aus Freiburg fest. Wobei ihm klar ist, dass Umfragen in Oberndorf am Neckar, wo die Waffenfirma Heckler & Koch beheimatet ist, oder in der Bodenseeregion, die von der „Initiative gegen Waffen am Bodensee“ als Rüstungsregion bezeichnet wird, vermutlich anders ausfallen würden.

Grässlin geißelt nicht nur die Waffendeals mit Saudi-Arabien, und er bedauert, dass keine Bundesregierung entscheidend gegen den Waffenhandel vorgegangen ist. Im Gegenteil: Rot-Grün habe lediglich versprochen, ihn zu senken. Schröder sei der „Kanzler der Rüstungskonzerne“ gewesen und Fischer habe dort „die Maske des Musterdemokraten fallen lassen“. Erst recht nach den Anschlägen 2001 in New York habe der Waffenhandel unter dieser Regierungskonstellation Rekordwerte erreicht, die nur von der aktuellen Regierung noch übertroffen werden. „Es wird in den nächsten Jahren massive Steigerungen geben“, erwartet Grässlin.

Das größte Rüstungsprojekt

Der Friedensaktivist und Autor berichtete von dem momentan mit dem Eurofighter laufenden „größten Rüstungsprojekt aller Zeiten“, während in Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern das Geld fehle. Er kritisierte die Bundesregierung, die von Frieden und Menschenrechten spreche und bei den gleichen Staatsbesuchen Verträge über Waffenexporte abschließe. Harsch ging er mit dem Daimler-Benz-Konzern ins Gericht, der einer der führenden Hersteller von Militärfahrzeugen in Europa ist, was aber in keiner Konzernpublikation deutlich werde. 150 000 Fahrzeuge habe der Konzern in Kriegsgebiete wie Syrien, Libyen, den Iran oder Irak geschickt, wobei Kanzlerin und Außenminister dies mit der „Stabilisierung des Gleichgewichts“ begründeten.

Obwohl in Saudi-Arabien Christen verfolgt werden und derjenige exekutiert werde, der Bibeln transportiere, liefere Deutschland unter anderem Panzer dorthin. An kriegführende Staaten lieferten auch die Firma Diehl Waffen und Tognum Dieselmotoren für mit Atomwaffen bestückte U-Boote, die Deutschland Israel schenke. Kleinwaffen gibt es aus Oberndorf am Neckar von Heckler & Koch sowie vielen Zulieferern, wobei „die schlimmsten Diktaturen der Welt“ Nachbaurechte eingeräumt würden. Und kein einziger deutscher Beamter prüfe, wo die Waffen letztlich landen.

Grässlin zeigte Kindersoldaten mit deutschen G3-Gewehren und die Opfer, zu denen er jeden Sommer fährt. Er hat Strafanzeigen gegen Heckler & Koch gestellt und setzt Daimler-Benz zu. Behäbige Staatsanwaltschaften dränge er, endlich tätig zu werden, und hofft, dass der Aufbruch in den Umbruch gewagt wird, ethische Produkte herzustellen, denn „Waffen sind es nicht“. Die Umstellung auf zivile Produkte sei in der Rüstungsindustrie angesagt, auch wenn dies zunächst weniger Profit bringe, ist seine Überzeugung. Die Arbeitsplätze seien auch dann sicher, wie die Windenergieindustrie beweise.

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