Leben im Augenblick
Leben im Augenblick (Foto: Hermann Marte)
Hermann Marte

Am Samstagabend hat im Bahnhof Fischbach Özcan Coşar für ein volles Haus und einen Abend voller Lacher gesorgt. Mit „Old School – Die Zukunft kann warten“ brachte er seine Fans mit zum Jubeln.

Vor eineinhalb Jahren war er zuletzt im Bahnhof Fischbach gewesen und die Veränderung im Publikum ist deutlich: Freie Plätze hat es schon damals nicht mehr gegeben, aber damals hatten etwa drei Viertel des Publikums Migrationshintergrund. Diesmal lag der Anteil der „Ur-Germanen“ bei gut der Hälfte. Coşar ist inzwischen einem deutlich breiteren Publikum bekannt. Beim Lachen macht es sowieso keinen Unterschied woher die Zuschauer kommen. Dass die Zukunft warten kann, da ist der Stuttgarter sich sicher. Er schaut lieber zurück auf die Vergangenheit, vor allem aber lebt er im Augenblick, was heute scheinbar nicht mehr viele können. Da sitzen einfach so viele in seinen Live-Vorstellungen und anstatt sie anzusehen, nehmen die alles mit dem Handy auf Video auf. Wahrscheinlich sitzen die dann zuhause kritisch-analytisch vor dem Bildschirm und sagen „Bring mich zum Lachen, Türke!“ Inzwischen hat er aber auch erfahren, dass es nicht nur schöne Seiten hat, wenn man prominent wird. Einerseits freut er sich sehr, wenn ihn Leute auf der Straße erkennen und ansprechen, aber andererseits kann es auch sehr nerven, wenn ein Fan ihm auf der öffentlichen Toilette sein Handy für ein Foto unter der Klotür durchschiebt. Wobei das nichts gegen den Ärger war, den er bekam, als ihm ein Fan auf einem türkischen Flughafen zurief „Ey, Du bist echt Bombe!“ Mehrfach ist er voll des Lobes für sein Heimatland Deutschland: „Deutschland ist das toleranteste Land der Welt!“ Als Beispiel konnte er gleich das Weihnachtsfest nennen, zu dem ihm sein Kumpel Harald eingeladen hat, nachdem er erfuhr, dass Özcan das so gerne einmal miterlebt hätte. Da gab es nicht nur ein Geschenk für ihn unter dem Baum, während die anderen Schweinefleisch verzehrten hatte man für ihn sogar in einer extra Pfanne Rindfleisch angerichtet.

Vereiniger , nicht Spalter

Dass es Unterschiede zwischen den Kulturen gibt, stellt er dabei überhaupt nicht in Abrede, aber man darf sich eben nicht vom Augenschein täuschen lassen. Türkische Männer sind zum Beispiel nur draußen Machos. Daheim sagen sie eher so etwas wie „Schatz, soll ich das ganze Geschirr spülen?“

Sein Einsatz für das verständnisvolle Miteinander, für das Vereinigen statt Spalten, kommt nicht nur bei seinen Fans sehr gut an, sondern auch bei vielen Institutionen, von Parteien über Vereine bis zu Klubs. Nur von der größten Disco Stuttgarts hat er sich keine VIP-Abend schenken lassen: „25 Jahre haben die mich wegen meiner Schuhe nicht reingelassen!“

Dem Koran-Zitat „Tötet die Ungläubigen wo ihr sie findet“ widmet er sich ausführlich. Schließlich wird es von IS-Kämpfern, AfD-Politikern und Dieter Nuhr gleichsam gerne zitiert. Nur lassen eben alle gerne die Sätze vorne und hinten weg, die diese Aufforderung auf den Verteidigungsfall beschränken und auch beinhalten „Doch legen sie die Waffen nieder, tut ihr es auch“. Wie schon beim letzten Programm meint er „Alice Weidel von der AfD und Machmud von der IS haben beide das gleiche Bild vom Islam. Die müssen Facebook-Freunde sein.“

Das besondere an Coşar ist, dass er auch diese ernsten Themen mit Lachern präsentieren kann, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen oder ihnen ihre Ernsthaftigkeit zu nehmen. Auf diese Weise erreicht er auch genau diejenigen, die mit so schweren Themen sonst gar nichts am Hut haben.

Die Zuschauer kamen am Freitag jedenfalls nicht mehr aus dem Lachen heraus. Als die Vorstellung zu Ende war, hätte man vor lauter Jubel fast einen Gehörschutz gebraucht.

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