Kunstverein zeigt den Dschungel von Calais

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Der Fotograf Christoph Oeschger auf der Schweiz hielt sich neun Wochen im „Dschungel von Calais“ auf, wahrt aber trotzdem einen
Der Fotograf Christoph Oeschger auf der Schweiz hielt sich neun Wochen im „Dschungel von Calais“ auf, wahrt aber trotzdem einen distanzierten Blick zum Thema Flucht. (Foto: Harald Ruppert)
Schwäbische Zeitung

Sie haben uns zu Geistern gemacht. So heißt die Ausstellung, die heute im Kunstverein Friedrichshafen eröffnet wird: „They’ve made us ghosts“. Ein Flüchtling sagte diesen Satz zum Fotografen Christoph Oeschger, im sogenannten Dschungel von Calais. Ein illegales Lager von Flüchtlingen, die auf eine Einreisemöglichkeit nach Großbritannien warten. Immer wieder wurde es geräumt und immer wieder entstand es aufs Neue – weil die behelfsmäßigen Hütten zwar abgerissen wurden, aber die Menschen blieben.

Sie haben uns zu Geister gemacht. Das ist ein anklagender Titel, aber Oeschger „macht“ nicht auf Betroffenheit. Im Gegenteil. Wie zu ihrem eigenen Schutz vor unseren Blicken lässt er den Menschen, die er fotografiert, ihren geisterhaften Status. Er entzieht sie uns, rückt ihnen nicht auf die Pelle. Sucht weder die dramatische Massenszene noch den Blick in Augen, aus denen Leid, Strapazen oder Traumata sprechen. Auf seinen Fotos bleiben die Gesichter abgewandt. Manchmal zeigen sie nur die Hände der Menschen, bei irgendeiner Tätigkeit. Oeschger bleibt distanziert, auch wenn er sich neun Wochen lang im Dschungel von Calais aufhielt. Angesichts dieser Zeitspanne ist das Ergebnis paradox. Müsste in neun Wochen nicht Nähe entstehen? Aber Nähe suggerieren ja bereits viele der konventionellen Pressefotos, die wir alle in den Köpfen tragen. Als Oeschger einmal als Pressefotograf in einem anderen Flüchtlingslager unterwegs war, sagte ihm ein Kollege: „In drei Stunden hast du alles, was du brauchst“. Oeschger versteht diese Jagd nach dem emotionalen, symbolträchtigen Bild in kurzer Zeit. Ein freier Fotograf muss sehen, dass er seinen finanziellen Schnitt macht. Trotzdem wollte er es anders machen. So entstanden seine Fotos aus Calais.

Flüchtling als Werbefigur

Sie erzählen nichts, sondern müssen zum Sprechen gebracht werden. Dass Oeschger sie mit einer zweiten Bildebene verschränkt, macht das nicht einfacher: Es ist nämlich die Perspektive der Bewacher und der Sicherheitskräfte; vor allem aber einer Industrie, die Sicherheitstechnologie herstellt. Sie verdient dadurch auch mit Flüchtlingen ihr Geld. Was bedeutet das für die Flüchtlinge? Das hängt vom Blickwinkel ab, denn auch die Position dieser Akteure ist nicht einheitlich: Für die Regierung sind die Flüchtlinge eine Belastung, der sie repressiv begegnet. Für den Hersteller einer Wärmebildkamera, der die notwendigen Mittel der Repression liefert, sind sie dagegen ein Wirtschaftsfaktor: Für seine Kamera wirbt er damit, dass sie in Calais zum Einsatz kommt. Damit wird „der Flüchtling“ zur Werbefigur und die Konstellation absurd. Eine Fotografie von Flüchtlingen, die sich als humaner Appell begreift, müsste quer zu einer solchen Konstellation stehen. Oeschgers zurückhaltende Bilder aus dem „Dschungel“ lassen sich dagegen daran knüpfen. Damit integrieren sie größere Aspekte der Realität als eine erzählende Fotografie mit klarer Botschaft es könnte.

Die von Julian Denzler kuratierte Ausstellung überblendet diese beiden Ebenen miteinander: Oeschgers Fotos und das Bildmaterial der Sicherheitsindustrie unterbrechen einander permanent. Obwohl dadurch keine geschlossene Lesart möglich ist, ergibt der Ausstellungstitel „They’ve made us ghosts“ einen noch tieferen Sinn. Denn die von Wärmebildkameras sichtbar gemachten Menschen verwandeln sich in grelle anonyme Schemen. Die auf der Suche nach Flüchtlingen geröntgten Lastwagen wiederum verblassen zu hohlen Grautönen. Man könnte diese Bilder der Überwachung als Metapher begreifen: Je mehr Europa versucht, Flucht und Vertreibung in den Griff zu bekommen, desto mehr verliert es den Zugang zur Substanz der Thematik – zu den flüchtenden Menschen.

Die Ausstellung wird am Freitag, 12. April, um 19 Uhr im Kunstverein Friedrichshafen (Buchhornplatz 6) eröffnet. Sie ist bis 17. Juni zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils Mittwoch bis Freitag von 15 bis 19 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.

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