Schwäbische Zeitung
stellv. Regionalleiterin

Was haben Angela Merkel (CDU) und Winfried Kretschmann (Grüne) gemeinsam? Sie entdeckten kurz vor der Bundestagswahl die Eurobike für sich. Während die Bundeskanzlerin im August 2013 feststellte, dass „Deutschland nicht nur eine Auto-, sondern auch eine Fahrradnation ist“, betonte der baden-württembergische Ministerpräsident am Mittwoch: „Das Fahrrad ist neben dem Automobil ein sehr wichtiges Verkehrsmittel.“ Doch Wahlkampf hin, Wahlkampf her: Die Fahrrad-Leitmesse in Friedrichshafen hat die Aufmerksamkeit der hohen Politik allemal verdient.

Und was ist der Unterschied zwischen dem Ministerpräsidenten-Tross und normalen Eurobike-Besuchern? Die einen sind am dunklen Zwirn zu erkennen, der trotz grünen Inhalts konservativ ist, derweil stecken die anderen in farbenfroher Funktionskleidung. Was zur Folge hat, dass Winfried Kretschmann und sein Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann irgendwie auffallen.

„Wer ist der Mann?“, will zum Beispiel Ali Erden Asir wissen, und deutet auf den schlanken, hochgewachsenen Mann mit dem weißen Haar. Und als der Türke aus Izmir, der mit dem Rad unterwegs ist, einen Stopp bei der Eurobike in Friedrichshafen eingelegt hat und weiter nach Paris will, erfährt, dass er einen waschechten Ministerpräsidenten vor sich hat, bittet er um ein Selfie. Eine Bitte, die der Landesvater offensichtlich gerne erfüllt, und zwar in der Ruhe und Gelassenheit, in der er auch den Rundgang über die Messe absolviert, die seit Mittwoch läuft.

Vaude-Rucksack verschenkt

Auf dem Programm stehen Aussteller aus Baden-Württemberg. Von Fahrradunternehmer und Shimano-Importeur Bernhard Lange erfährt Winfried Kretschmann, was es Neues in der fein justierten Welt der Gangschaltungen gibt. Am Stand von Bosch geht es um die Leistungsfähigkeit von E-Bikes. Bei Cratoni blinken Helme, über die ihre Träger miteinander kommunizieren können. Centurion eröffnet mit leistungsfähigen und gleichzeitig schicken Trekking-Rädern den Weg ins Gelände. Und Vaude hat alles, was dazu gehört: „Unsere Bekleidung ist zu fast 100 Prozent ökologisch“, erklärt Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Ausrüsters mit Sitz in Tettnang-Obereisenbach. Der Ministerpräsident hört zu, schaut sich um und berichtet von einem Vaude-Rucksack, der als Geschenk gut angekommen sei.

Aber nicht nur die Firmen, die im Ländle an ihren Innovationen tüfteln, gefallen Kretschmann, die ganze Eurobike versetzt ihn in Begeisterung. Die Frage, ob er selbst in die Pedale tritt, beantwortet er zwar mit einem klaren „Nein“, aber: „Das Rad ist ein modernes Verkehrsmittel, und wir müssen schauen, dass es sich ausbreitet. Das ist eine hochpolitische Angelegenheit.“ Denn ohne Pendler, die das Rad nutzen, könnten die Verkehrsprobleme in den Städten nicht gelöst werden.

Wie das aussehen kann, davon hatte sich Verkehrsminister Hermann bereits am Mittwochmorgen ein Bild gemacht, als er mit dem Friedrichshafener Bürgermeister Stefan Köhler das bereits fertiggestellte Teilstück des Velorings begutachtete und „sehr angetan“ war. Doch Winfried Kretschmann will weiterdenken und spricht von Radstrategie, Radautobahn, Städten, die hergerichtet werden und Parkhäuser für Räder bauen müssten, intelligenter Vernetzung der verschiedenen Verkehrsmittel und von E-Bikes als Trend. Auf der Eurobike ist für den Ministerpräsidenten diese Zukunft „handfest zu erleben“.

„Klares Bekenntnis“ zum Standort

Sehr zur Freude von Messechef Klaus Wellmann, der „hocherfreut“ über den hohen Besuch ist und diesen als Wertschätzung für die Aussteller und das Thema bewertet. Oberbürgermeister Andreas Brand erkennt ein „klares Bekenntnis zum Messestandort Friedrichshafen“ und möchte von Wahlkampf zu diesem Zeitpunkt nichts hören – schließlich sei immer irgendeine Wahl.

Apropos Wahl: Winfried Kretschmann geht am liebsten zum Wandern. Früher als Lehrer sei er noch täglich zur Arbeit geradelt, doch als Ministerpräsident habe er keine Zeit und könne aus Sicherheitsgründen nicht mehr einfach so aufs Rad steigen. Sein Fazit lautet dennoch: „Mehr Fahrräder sind besser als weniger.“ Und wer nach Messeschluss mit dem Auto in oder um Friedrichshafen herum im Stau steht, kann dem nur beipflichten.

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