Komiker, die sich den Mund nicht verbieten ließen

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Bernd Düring und Eckhard Radau widmen ihr Programm dem Kabarett der NS-Zeit.
Bernd Düring und Eckhard Radau widmen ihr Programm dem Kabarett der NS-Zeit. (Foto: mar)
Schwäbische Zeitung
Hermann Marte

Am Freitagabend hat der Bahnhof Fischbach seine Bühne der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zur Verfügung gestellt, die dort das Kabarett Radau auftreten ließ. „KaZett und Kabarett – Widerworte in brauner Zeit“ war der Titel des Programms über Kabarettisten, die sich unter der Nazi-Herrschaft nicht den Mund verbieten lassen wollten. Bernd Düring am Klavier und Eckhard Radau als Sprecher und Sänger traten klassisch in schwarzem und grauen Anzug, aber ohne Schlips auf. In dem etwa zweistündigen Programm wurden die Zuschauer zwischen Lachen und Betroffenheit hin und her geworfen.

Den Anfang machte ein Lied von Erich Kästner aus dem Jahre 1932. Das machte deutlich, dass mancher schon vor der offiziellen Machtergreifung erkannte, wohin die Reise ging. Initiiert hatte den Auftritt des Duos aus Nordrhein-Westfahlen die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die sich in mehr als 60 Ländern für Menschenrechte und Demokratie einsetzt. In Deutschland ist ihr Ziel, „seltenes Wissen zugänglich zu machen“, wie Alfred Eger erklärte, der im Namen der Stiftung die Anwesenden begrüßte. Dieser Umstand erklärte auch, warum die Veranstaltung kostenfrei war.

Dass autoritäre Systeme stets eine rigorose Presse- und Bühnenzensur durchführen, ist bekannt. Dass die NSDAP dabei besonders hart vorging auch. So ging es nicht darum aufzuzeigen, dass das freie Wort in Deutschland unterdrückt wurde, sondern konkrete Beispiele zu benennen – von Tucholsky, Brecht und Kästner bis Finck und Grünbaum. Es erforderte damals viel Mut, bis hin zu Todesmut, sich öffentlich gegen die Regierung zu stellen. So brachten manche die Zahnbürste mit zum Auftritt, verließen das Theater durch das Klofenster und schliefen bei Freunden. Kein Wunder, dass die meisten Bühnendarsteller sich ebenso anpassten, wie die breite Masse der Bevölkerung. Aber einige ließen sich den Mund nicht verbieten.

So bringt Radau jede Menge regimekritischer Witze auf die Bühne, die er auch stets erklärt, denn der Zusammenhang ist heute häufig nicht mehr offensichtlich. Damals war es fast allen klar, dass der dicke faule Hauptmann in einem Spottlied Hermann Göring sein soll, aber heute?

Beim Gesang wird Radau von Düring am Klavier oder am kleinen Akkordeon begleitet. In musikalischen Soli spielt er auch Stücke, die damals wegen Entartung in Deutschland verboten waren. Da wird deutlich, in welch lächerliche Bereiche sich die Zensur erstreckte. Wie absurd es manchmal wurde, wird am Beispiel der Pfeffermühle deutlich. 1933 gründete Thomas Manns Tochter Erika mit einigen Kollegen in München dieses Kabarett, das beim Publikum hervorragend ankam. Dennoch teilte Mann dem Wirt ihres Auftrittslokals schließlich mit, dass die Truppe nicht weitermachen könnte. Der aber pochte auch seinen Vertrag, brachten ihm die Auftritte doch ständig ein volles Haus ein. Und wegen der Regime-Kritik müsse sie sich keine Sorgen machen: „Ich bin seit Langem aktives Parteimitglied. Ich kann eine SA-Wache zum Saalschutz zusammenstellen lassen.“

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