„Wenn Einzelne eine Perspektive bekommen, ist es gut“, sagt Katharina Knoblauch über ihre künftige Arbeit mit Frauen, die aus de
„Wenn Einzelne eine Perspektive bekommen, ist es gut“, sagt Katharina Knoblauch über ihre künftige Arbeit mit Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. (Foto: Harald Ruppert)
Schwäbische Zeitung

Das neue Leben von Katharina Knoblauch passt in zwei Koffer. Die nächsten drei Jahre - vielleicht werden sogar sechs darauf – wird die 29-jährige Häflerin in Nicaragua arbeiten. Genauer gesagt, in der 1,6 Millionen-Metropole Managua. Katharina Knoblauch stammt aus Friedrichshafen, ist Sozialpädagogin sowie Beraterin für soziale Arbeit. In Managua wird sie sich um sexuell ausgebeutete Frauen kümmern. Um Prostituierte, die den Ausstieg aus dem Milieu schaffen wollen. Entsendet wird Katharina vom Entwicklungsdienst Christliche Fachkräfte International. „Der christliche Glaube ist meine Lebensgrundlage“, sagt sie. „Ich habe durch ihn viel Liebe erfahren und möchte diese Liebe auch anderen anbieten, die sie bisher nicht erfahren konnten. Das ist meine Motivation.“

Metropole ohne Straßennamen

Blauäugig ist Katharina Knoblauch nicht. Schon nach dem Abitur reiste sie nach Brasilien und arbeitete in einem Slum mit Straßenkindern. Weitere Arbeitsaufenthalte führten sie nach Afrika. Zuletzt arbeitete sie zweieinhalb Jahre in Stuttgart in der Notunterbringung von Flüchtlingen, immer nah an den Menschen. Dass ihr dieser direkte Kontakt auch in Nicaragua möglich sein wird, ist ihr besonders wichtig. Wie sie ihre neue Arbeitsstelle finden wird, die kleine Hilfsorganisation Nueva Imagen, darauf ist sie jetzt schon gespannt. Denn in Managua gibt es zwar einzelne Viertel, aber weder Postleitzahlen noch Straßennamen. „Allerdings sind die Nicas nette Menschen“, sagt Katharina. „Sie halten ihre Schwätzchen auf der Straße. Da kann man schon mal fragen“.

Mit 14 Jahren ist Prostitution legal

In Nicaragua liegt die Arbeitslosigkeit bei 60 Prozent. „Viele Frauen prostituieren sich, weil sie keine andere Möglichkeit finden“, sagt Katharina. So sind die Wege vorgezeichnet: „Wenn ein Mädchen in einem Slum aufwächst, ist es normal, dass es sich mit zwölf, 13 Jahren verkauft. Und mit 14 Jahren ist Prostitution dann legal“, erzählt Katharina. Um einen solchen Lebenslauf zu verhindern, könne man mit Prävention gar nicht früh genug beginnen, ist sie überzeugt.

Das Team, mit dem Katharina Knoblauch in Managua arbeiten wird, zählt nur drei Personen – ihre Chefin sowie eine ehemalige Prostituierte und eine Psychologin; alle sind Einheimische. Katharina wird in einer beratenden Position arbeiten. Aber ihr kommt zugute, dass ihr Einsatz von der Hilfsorganisation vor Ort selbst gewollt ist und dieser nicht etwa aufs Auge gedrückt wurde. Alte Fehler der Entwicklungsarbeit, die Einheimischen mit vorgefertigten Konzepten zu konfrontieren, will sie nicht machen – wer die Menschen voranbringen will, ohne sie auf diesem Weg mitzunehmen, wird auch keine Spuren hinterlassen. Deshalb ist Katharina Knoblauch der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses wichtig: „Erst wenn ich voll und ganz akzeptiert werde, kann auch etwas wachsen.“

Traumata aufarbeiten

Ziel des Projektes ist es, den Frauen Hilfen und Perspektiven für den Aufbau eines neuen Lebens zu geben. Viele sind wohnungslos, erlebten Misshandlungen und Vergewaltigungen. Es gilt, Traumata aufzuarbeiten und diesen zu Objekten degradierten Frauen zu zeigen, dass sie auch eine Würde besitzen. Es gibt Gruppenangebote zu psychosozialen Themen und Gesundheitsvorsorge. Auch Lesen und Schreiben wird gelehrt, denn viele der Frauen sind Analphabetinnen. Zudem gibt es eine Nähwerkstatt, in der Taschen produziert werden. Den Erlös aus dem Verkauf können die Frauen behalten. Bevor alle diese Maßnahmen greifen, gilt es aber, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Sie müssen dort aufgesucht werden, wo sie leben und arbeiten.

Hoffnung strukturiert das Leben

Das A und das O ihrer Arbeit sieht Katharina Knoblauch in der Vermittlung von Hoffnung. Wie wichtig sie ist, erfuhr sie bereits in Brasilien. Hoffnung stabilisiert und strukturiert ein Leben. „Und es sind diese hoffnungsvollen Menschen, die dann oft auch eine Arbeit finden“, sagt sie. Fast die Hälfte der Bevölkerung von Nicaragua lebt von weniger als einem Dollar am Tag, Präsident Manuel Ortega regiert das Land autoritär und ohne Gegner. Wenn man das große Ganze in den Blick nehme, könnte man den Mut verlieren. „Ich muss die Situation auf die Menschen herunterbrechen. Wenn Einzelne eine Perspektive bekommen, ist es gut“, sagt Katharina. Und über die Einzelnen kommt sie doch wieder aufs große Ganze: „Wir können diese Gesellschaft von unten stärken.“

Jetzt wartet auf Katharina aber erst einmal ein Sprachkurs. Wenn sie in Managua richtig Fuß gefasst hat, möchte sie in der Schwäbischen Zeitung regelmäßig über ihre Arbeit berichten. Dass sie ihre neuen Aufgaben mit voller Kraft angeht, darauf kann man sich verlassen. Immerhin gab sie dafür ihre Festanstellung in Stuttgart auf. „Ich bin noch jung und lasse mich durch Sicherheiten nicht halten“, sagt sie. „Und ins Ausland zu gehen, hatte ich immer schon im Kopf.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen