Karl Maybach verkörperte auch eine Werte-Kultur

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 Maria Neumann und Sigfrid Rehm waren jeweils 45 Jahre in den Unternehmen Maybach und MTU beschäftigt. Sie erinnern sich an ihr
Maria Neumann und Sigfrid Rehm waren jeweils 45 Jahre in den Unternehmen Maybach und MTU beschäftigt. Sie erinnern sich an ihr Leben prägende Zeiten und den besonderen „Maybach-Geist“. (Foto: sig)
Siegfried Großkopf

Wenn Friedrichshafen am 6. Juli des 140. Geburtstags von Professor Karl Maybach gedenkt, erinnern sich nicht nur „Maybächler“ an eine Persönlichkeit, die sich um die Entwicklung des Dieselmotors, eines großen Unternehmens und der Stadt unvergessene Verdienste erworben hat. Doch nicht nur darum. Der Sohn von Wilhelm Maybach und Mann der Industrie hat in seinem Unternehmen auch eine Werte-Kultur geschaffen, wie sich Maria Neumann und Sigfrid Rehm erinnern, beide jeweils 45 Jahre bei Maybach und dem Nachfolgeunternehmen MTU tätig und heute im Freundeskreis Maybach-Museum aktiv. Letzterer feiert in diesen Tagen sein vierjähriges Bestehen und hat Karl Maybach eine Dokumentation der Ausstellung „In der Luft, zu Wasser und zu Land“ gewidmet.

„Karl Maybach war eine ganz besondere Persönlichkeit“, erinnert sich Maria Neumann, die einst als junge und einzige Frau in einem von Männern dominierten Unternehmen zur Industriekauffrau ausgebildet wurde. Glücklich über diese exklusive Lehrstelle und heute noch wie Sigfrid Rehm vom „Maybach-Geist“ schwärmend. Maybach prägte beide. Denn Karl Maybach schätzte nicht nur den hochqualifizierten Ingenieur in seiner Belegschaft, sondern auch den einfachen Arbeiter bis hin zum „Hofkehrer“, wenn diese ihre jeweilige Arbeit ordentlich verrichteten.

Leistung hat er immer verlangt. Besonders wichtig war ihm der Nachwuchs – und hervorragende Lehrlinge zu haben. Er führte im gesamten Konzern die Werkschule ein und war so etwas wie der Pionier des deutschen dualen Ausbildungssystems. Unterstützt wurde er von seiner Ehefrau Käthe, einer ähnlich wie er sozial eingestellten „gütigen Frau“, die für alle Mitarbeiter ein offenes Ohr hatte.

Luftschiffmotor entwickelt

In Köln-Deutz geboren, verließ Karl Maybach 1896 die Realschule mit dem Abschluss der Mittleren Reife. Er wurde Praktikant in der Daimler Motoren-Gesellschaft (DMG) und ging anschließend als Volontär zur Maschinenfabrik Esslingen. 1901 bestand er die Diplomprüfung zum Maschinenbau-Techniker und ging ein Jahr später zu Loewe nach Berlin. In dieser Zeit verbesserte er auch seine Fremdsprachenkenntnisse in Lausanne und Oxford.

1904 wurde er Versuchsingenieur und Assistent seines Vaters und partizipierte von den konstruktiven Weiterentwicklungen der Mercedes-Automobile. Zwei Jahre später wechselte er nach Frankreich zur Societé d’Atelier de Construction zu Graf de Lavalette in Saint-Quen bei Paris. Er sollte einen Automobilmotor mit 150 PS (110 KW) entwickeln.

Nach dem Unglück des Zeppelin LZ 4 1908 in Echterdingen entwickelte Karl Maybach einen Luftschiffmotor für den Bau eines weiteren Zeppelins. Ein Jahr später wurde er Geschäftsführer und Technischer Leiter der Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH mit Sitz in Bissingen. Sie war eine Tochterfirma der Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Friedrichshafen.

Im gleichen Jahr konstruierte er mit dem Sechszylinder-Reihenmotor Typ AZ mit 145 PS das erste eigene Produkt und meldete den schwimmerlosen Spritzdüsenvergaser als Patent an.

Als erstes Luftschiff wurde das LZ 10 im Jahr 1911 ausschließlich von drei Maybach-AZ-Motoren angetrieben. Sie liefen bei 224 Fahrten störungsfrei. Mit diesem Motor legte Karl Maybach den Grundstein für eine über 100-jährige Erfolgsgeschichte.

1912 zog die Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH von Bissingen an den Bodensee. Drei Beamte und etwa 20 Arbeiter nahmen in Friedrichshafen die Arbeit auf und der Firmenname wurde in Motorenbau GmbH geändert. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, waren hier 22 Beamte und 180 Arbeiter beschäftigt.

Soziales wurde im Unternehmen groß geschrieben und Karl Maybach gründete 1915 eine Betriebskrankenkasse. Ein Jahr später entwickelte er den ersten überverdichteten Höhenflugmotor der Welt, den Sechszylinder-Reihenmotor Typ Mb IVa.

MTU entsteht

Aus der Motorenbau GmbH wurde 1918 die Maybach-Motorenbau GmbH, bei der zum Kriegsende etwa 3600 Mitarbeiter beschäftigt waren, 1919 noch etwa 600.

Im gleichen Jahr richtete Karl Maybach eine Anlernwerkstatt für Arbeiter ein und entwickelte den Automobilmotor Typ W 1. Mehr noch: Er entwickelte zeitgleich den schnelllaufenden Dieselmotor mit dem Schwerpunkt Triebwagenantrieb. Der Antrieb mit Dampf wurde durch Dieselmotoren ersetzt und es entstand der Versuchsmotor G 1.

1920 gründete Karl Maybach eine der ersten Lehrwerkstätten in Württemberg. Alle Lehrlinge des Zeppelin-Konzerns wurden zunächst beim Maybach-Motorenbau ausgebildet. 1921 wurden die Lehrlinge – neben der praktischen Ausbildung – auch in den theoretischen Fächern in einer eigenen Werkschule unterrichtet, der ersten „Werkseigenen Berufsschule“ in Württemberg.

Der Maybach-Motorenbau beteiligte sich bis 1926 äußerst erfolgreich mit den Typen W 3 und W 5 Tourenwagen bei Berg-, Tages- und Mehrtagesfahrten. Die Werksfahrer Anton Zwick, Viktor Schobinger und Fritz Eisenlohr gewannen 1926 die Süddeutsche Tourenfahrt mit Maybach-Tourenwagen.

Der erste schnelllaufende Maybach-Großdieselmotor der Welt Typ G 4a war 1924 auf den Markt gekommen. Der Triebwagen E.V.A.-Maybach-Triebwagen wurde gemeinsam von der Firma E.V.A. und der Maybach-Motorenbau GmbH entwickelt und gebaut. Die ersten Fahrten wurden auf der Teuringertal-Bahn absolviert. Für die Motoren der Typen G 4a und G 4b wurde das Getriebe Typ T 1 entwickelt.

Im selben Jahr wurde auch der erste Zwölfzylinder Luftschiffmotor entwickelt und gebaut.

Während sein Vater Wilhelm als Pionier der serienmäßigen Entwicklung des Automobils im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gilt, zählt der Maschinenbauingenieur Karl Maybach zu den herausragenden Technikern und Unternehmern der deutschen Automobil- und Flugzeugindustrie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ein Maybach für den Kaiser

Kaiser Haile Selassie von Äthiopien erhielt 1928 das teuerste Maybach-Automobil des Typs W 5 SG, dessen Kühler eine Krone aus massivem Gold zierte.

Das Ehrenbürgerrecht der Stadt Friedrichshafen erhielt Karl Maybach ein Jahr später, in dem auch das Luftschiff LZ 127 Graf Zeppelin mit fünf Zwölfzylinder-Motoren vom Typ VL 2 mit je 570 PS ausgestattet wurde. In 35 Tagen wurden bei seiner Reise um die Welt rund 34 000 Kilometer zurückgelegt. Erstmals wurden Aluminium-Kolben verwendet. Die Kurbelwelle hatte Gegengewichte und einen Schwingungsdämpfer. Die Marschgeschwindigkeit der LZ 127 betrug 118 Stundenkilometer.

Im gleichen Jahr ist Maybach mit dem Automobil Maybach Typ 12 und dem ersten deutschen Serien-Zwölfzylinder-Motor in V-Bauweise mit einer Leistung von 150 PS in der Luxusliga der Autos angekommen. Vom Lenkrad aus wurde pneumatisch geschaltet und Zylinderkopf, Kurbelgehäuse und Kolben waren aus Leichtmetall.

Am 29. Dezember 1929 starb Wilhelm Maybach im Alter von 83 Jahren und Sohn Karl baute 1930 zwei Wohnblöcke für Mitarbeiter an der Siegerstraße, der heutigen Maybachstraße.

1932 sorgte der zweiteilige Schnell-Triebwagen mit dem Namen „Der fliegende Holländer“ für Aufsehen und 1933 begann die Motorenentwicklung für gepanzerte Fahrzeuge. Bis zum Kriegsende 1945 wurden etwa 140 000 Motoren der Typen HL 52 bis HL 2320 produziert.

Jean Raebel wurde 1936 zum kaufmännischen Geschäftsführer bestellt und lenkte fortan über Jahrzehnte gemeinsam mit Karl Maybach die Geschicke des Unternehmens.

In den dreiteiligen Schnelltriebwagenzug Typ SVT 137 155 Bauart Köln wurden 1938 zwei Zwölfzylinder Dieselmotoren in V-Bauweise Typ GO 6 mit einer Leistung von je 600 PS eingebaut. Die Kraftübertragung erfolgte dieselelektrisch über Generatoren und Fahrmotoren. 1939 erreichte der Zug, der Museumszug in Friedrichshafen werden soll, eine Spitzengeschwindigkeit von 215 Stundekilometern

1944 wurden bei Luftangriffen die Werksanlagen in Friedrichshafen zu 70 Prozent zerstört. Dabei kamen 104 Menschen ums Leben.

Am 29. April 1945 marschierten französische Truppen in der Stadt ein. Die Besatzungsmacht erlaubte Aufräumarbeiten. Kraftfahrzeuge wurden repariert und es wurden Motoren für die Franzosen montiert. Ab 1946 herrschte durch sie eine Zwangsverwaltung.

Maybach nach Vernon

Im gleichen Jahr verpflichtete die französische Regierung Karl Maybach mit 70 Ingenieuren, Technikern und Schlossern nach Vernon, um einen Benzin-Panzermotor zu konstruieren. In der Forschungszentrale entstand der HL 295 mit 1060 PS. Dort wurden auch konzeptionelle Studien für die Dieselmotor-Typen GTO 6 und MD erstellt.

1949 begann der Wiederaufbau des Werkes in Friedrichshafen mit ziviler Fertigung. Dem Verhandlungsgeschick von Karl Maybach und Jean Raebel war es zu verdanken, dass dies wieder möglich wurde. Auch der Betriebsratsvorsitzende Karl Hänsler und die Belegschaft standen hinter ihnen. Im Januar 1950 nahmen mehr als 580 Mitarbeiter wieder die Arbeit bei der Maybach-Motorenbau GmbH auf. 1951 kam Karl Maybach von Vernon zurück und noch im gleichen Jahr begann die Entwicklung der Maybach-Diesel-Motorenbaureihe Typ MD.

Ein ereignisreiches Jahr sollte folgen: 1952 verkaufte die Stadt die Anteile, die ihr über die Stiftung und die Luftschiffbau Zeppelin GmbH zugefallen waren, an Karl Maybach. Der schied im gleichen Jahr aus der Geschäftsführung aus, blieb aber Gesellschafter. Jean Raebel wurde zum Vorsitzenden der Geschäftsführung bestellt. Markus von Kienlin, der bereits in Vernon maßgeblich an der Entwicklung des Benzinmotors HL 295 und bei der Entwicklung der Dieselmotoren vom Typ GTO und MD beteiligt war, wurde Geschäftsführer für die Entwicklung.

1954 wurde Karl Maybach das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Vier Jahre später war das Werk in Friedrichshafen wieder aufgebaut und Karl Maybach gründete die Karl-Maybach-Hilfe, mit der Mitarbeiter und deren Angehörige in Not unterstützt werden.

Mit 80 Jahren verstorben

1959 feiert die Maybach-Motorenbau GmbH ihr 50-jähriges Jubiläum. Karl Maybach wurde 80 Jahre alt und erhielt das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik. Er wurde zum Professor e.h. ernannt. Das Unternehmen hatte mittlerweile 2000 Mitarbeiter.

Am 6. Februar 1960 starb Karl Maybach im Alter von 80 Jahren.

Im Jahr 1984 wurde seine in San Francisco lebende Tochter Irmgard Schmid-Maybach in den Aufsichtsrat der MTU Friedrichshafen gewählt, nachdem Jean Raebel sein Mandat aus Altersgründen niedergelegt hatte.

Seit 2007 ist Irmgard Schmid-Maybach Ehrenmitglied. Sie unterstützt nicht zuletzt die Anstrengungen hin zu einem Maybach Museum in Friedrichshafen, sie verfolgt auch die Feier anlässlich des 140. Geburtstags ihres Vaters aus Amerika.

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