Kantorei beeindruckt mit unbekannter Johannes-Passion

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Sehr gut besucht ist die Schlosskirche am Karfreitag bei der Johannespassion von Georg Gebel d. J., im Bild singt die Konstanzer
Sehr gut besucht ist die Schlosskirche am Karfreitag bei der Johannespassion von Georg Gebel d. J., im Bild singt die Konstanzer Sopranistin Claudia von Tilzer. (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Schon einmal hat die Kantorei an der Schlosskirche am Karfreitag eine Johannespassion gesungen, und doch war es diesmal ein ganz neues, dramaturgisch sehr lebendiges, teilweise hochdramatisches Hörerlebnis. Denn nach der Passion von Johann Sebastian Bach, die 2009 erklang, hat Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel diesmal den Zuhörern in der randvollen Kirche die nahezu unbekannte barocke Johannespassion von Georg Gebel dem Jüngeren, einem Zeitgenossen der Bach-Söhne, nahegebracht.

Gebel (1709-1753) dürfte die Johannespassion von Bach gekannt haben. Parallelen werden sichtbar im kunstvollen Ineinander von Evangelienbericht, Chorsätzen, Rezitativen, Arien und Chorälen, und doch findet Gebel zu einer eigenen, sehr farbigen, emotionalen, unmittelbar berührenden Tonsprache.

Wie Bach legt Gebel seiner oratorischen Passion den nahezu vollständigen Text des Evangelisten Johannes zugrunde. Dank vorzüglicher Artikulation und differenzierter Gestaltung ließ der Ravensburger Tenor Ulf Gloede das Geschehen mit allen Sinnen miterleben. Man schauderte, wenn er mit Abscheu kommentierte: „Barrabas aber war ein Mörder.“ So plastisch wie der Bericht des Evangelisten kamen die Worte, die den Handelnden in den Mund gelegt werden. Als wahrhaft königliche, unerschütterlich den Weg gehende, in sich ruhende Persönlichkeit erschien Jesus, dem der Bassist Martin Hempel seine starke Stimme lieh. Als ernsthafter Frager erschien Pilatus, sehr präsent gesungen von Philipp Heizmann.

Meditative Arien

Den „Sprechszenen“ standen die kurzen, meditativen Arien gegenüber, die das Geschehen reflektierten und kommentierten. Schon bei der Gefangennahme Christi trat der Altus auf, der das Männliche und das Weibliche, die Kraft und das lyrische Element vereinte und damit für die ganze Menschheit sprach. Mit schönen Melodiebögen und geschmeidigen Koloraturen tat sich hier Stefan Görgner hervor. Ganz das weibliche Prinzip verkörperte die Sopranistin in ihren Arien. Nicht strahlenden Glanz, sondern Wärme und Demut legte Claudia von Tilzer stimmmig in ihren Gesang.

Eine spannende Aufgabe hatte der Chor zu bewältigen, den Kantor Wittnebel wieder bestens vorbereitet hatte. Denn in jähem Wechsel standen neben schlichten, innigen, besinnlichen Chorälen die dramatischen Turbachöre des verblendeten Volkes, etwa wenn es sich in leidenschaftlicher Steigerung über Pilatus erhob und immer vehementer die Kreuzigung verlangte, eine Szene, die unmittelbar in einen Choral überging, der den Bericht in das Heilsgeschehen einordnete: „Du lässt dir Bande legen an, auf dass wir Freiheit mögen han.“

Was im Eingangschor schon angelegt war – „Er gehet an sein Leiden, dir zum Besten“ – vollendete sich im Schlusschor. Ein zärtliches Wiegenlied war dieser für den Toten und zugleich blickte der Chor hoffnungsfroh über den Tod hinaus: „Auf des dritten Tagesschein kehret meine Sonne wieder.“

Die klangliche Vielfalt, die Innigkeit wie die Dramatik spiegelten sich auch in der Musik – Gegensätze, welche sechzehn Musiker der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und Ina Weißbach an der Orgel in stimmungsvollen Einleitungen und solistischen Begleitungen der Arien sehr schön zur Geltung brachten. Eine kleine Unsicherheit erklärte sich damit, dass Pia Pircher aus Wien nicht nur sehr kurzfristig für die erkrankte Gambistin eingesprungen war, sondern zudem mit zwei gerissenen Darmsaiten zu kämpfen hatte. Die Zuhörer zeigten sich tief beeindruckt.

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