Spannende Begegnungen mit der Chormusik der Moderne bot die Camerata Serena unter Nikolaus Henseler, hier beim Konzert in St. Ma
Spannende Begegnungen mit der Chormusik der Moderne bot die Camerata Serena unter Nikolaus Henseler, hier beim Konzert in St. Magnus in Fischbach. (Foto: Helmut Voith)
Christel Voith

„Bleiben Sie neugierig!“ Diesen Wunsch hat Chorleiter Nikolaus Henseler den Zuhörern mitgegeben, die am Wochenende bei zwei A-cappella-Konzerten des Projektchors „Camerata Serena“ ein Kaleidoskop der Moderne erlebt haben – am Samstagabend im Kiesel des k42 und am Nachmittag darauf in der Kirche St. Magnus in Fischbach.

Sinnenfällig hat Henseler in seinem klug aufgebauten Programm zu Gehör gebracht, wie viele unterschiedliche Facetten die Chormusik des 20. Jahrhunderts aufweist und welche Brücken man finden kann zur Musik des 16. Jahrhunderts, die den Einstieg bot: „Jeder Klang ist lebendig und erfüllend, das verbindet diese Epochen“, sagt dazu Henseler. So begann das Konzert mit ausgewählten Motetten aus Orlando di Lassos „Prophetiae Sibyllarum“. In schlichtem vierstimmigem Gesang brachten die zwölf Frauen- und acht Männerstimmen die innewohnende tiefe Gläubigkeit zum Ausdruck. Orlando di Lassos kühner chromatischer Stil führte ebenso zum Heute wie Johann Sebastian Bachs Grundform zweistimmiger Polyphonie, wie sie das Duo Elsa Klockenbring und Michael Schmitz auf Violine und Violoncello in der Invention Nr. 1 C-Dur BWV 772 hören ließen, in starkem Kontrast zur folgenden Sonate von Maurice Ravel, die in stetem Wechsel von Dur und Moll ungewöhnliche Dissonanzen, aber auch sphärische Obertöne hören lässt.

Mit Anton Weberns „Entflieht auf leichten Kähnen“ von 1908, einem Standard-Chorwerk der Moderne, war die Grenze zur Atonalität erreicht.

Spiel mit Worten

Raumfüllende Klang-Cluster schoben sich bei György Ligetis Chorwerk „Éjszaka“ aus tiefem Dunkel immer dynamischer in die Höhe, um wieder im Dunkel zu versinken. Eine ganz eigene Spannung brachte das „Ludus verbalis“, das Spiel mit Worten des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara, die in abwechslungsreichen Rhythmen aus allen Richtungen gesprochen, geflüstert, mit Glissandi abfallend gehaucht wurden.

Zarte, poetische Bach-Inventionen umrahmten die fiebrigen, folkloristischen Melodiefetzen im Duo für Violine und Cello des Griechen Iannis Xenakis. Wieder neue Hörerlebnisse brachte der abschließende Gesangsblock, eingeleitet durch John Cages abstrakte spirituelle Improvisation „Four2“ über die Buchstaben des US-Bundesstaates Oregon. Genau festgelegte sieben Minuten lang tauchten die Sänger interaktiv ein in Klänge, die sich überlappten und zu einem ganz eigenen räumlichen Erleben führten.

Mit Arnold Schönbergs romantischer Vertonung des Volkslieds „Schein uns, du liebe Sonne“ und drei schlichten Vertonungen von Rilke-Naturgedichten durch Paul Hindemith kehrte das Vokalensemble zu traditionelleren Klängen zurück. Henselers Ziel, “zu zeigen, was hinter der Musik steckt“, war erreicht und neugierig auf modernes Chorschaffen war man auch geworden. Ein eigenes Lob gilt den Sängern, die diese Musik mit großer Stimmkultur den Zuhörern nahebrachten.

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