Kühl beobachtet die Autorin eine zerbrochene Fami

Lesedauer: 4 Min
Die Bregenzer Autorin Eva Schmidt stellt im Kiesel ihren jüngsten Roman vor.
Die Bregenzer Autorin Eva Schmidt stellt im Kiesel ihren jüngsten Roman vor. (Foto: Christel Voith)
hv und Helmut Voith

Zur Lesung aus ihrem jüngsten Roman hat die Bregenzer Autorin Eva Schmidt am Montagabend nicht nur Gäste aus Friedrichshafen, sondern eine Reihe von Literaturfreunden aus der Region in den Kiesel gelockt.

Der im Frühjahr 2019 erschienene Roman „Die untalentierte Lügnerin“ stand ebenso auf der Auswahlliste für den deutschen Buchpreis wie ihr

2017 erschienener Roman „Ein langes Jahr“. Während es in der deutschen Bodenseeregion derzeit in der Literaturszene etwas still geworden ist, tut sich wieder etwas in Vorarlberg.

Zwei Jahrzehnte lang hatte Eva Schmidt keinen Roman mehr veröffentlicht. Warum diese lange Pause, fragte Franz Hoben, der stellvertretende Leiter des Kulturbüros, im Gespräch nach der Lesung. Die Familie mit vier Kindern habe ihre volle Aufmerksamkeit erfordert, erklärte sie. Auch in den Romanen sind ihr die Themen Familie und Beziehungen wichtig, allerdings sind es fragile Beziehungen, zerbrochene Familien: „Es sind mehr die Abgründe, die mich beim Schreiben interessieren.“ Dabei gehe sie nicht nach festem Plan vor, sondern sagt: „Ich schaue, wie sich meine Figuren entwickeln, was zu ihnen passt – es passiert einfach.“ Es fasziniert sie, wie Menschen sich entwickeln. Mit wenigen Worten gelingt es ihr, Personen in ihrem Wesen zu erfassen. So schreibt sie über ihre Protagonistin Maren: „Was immer sie unternahm, ging schief.“ Eine Frau auf der Suche, die planlos dahinlebt und sich erst langsam stabilisiert. Ein Schauspielstudium hat sie abgebrochen, ist zurückgekehrt in ein zerrüttetes Zuhause mit einer egozentrischen Mutter und einem Stiefvater, der zu viel Interesse an ihr zeigt – eine Sackgasse, aus der sie wieder herausfinden muss.

Es ist weitaus mehr als eine Skizzierung der Persönlichkeit, weil Eva Schmidt auch ohne große Worte in tiefere Schichten vordringt, ohne jemandem zu nahe zu treten oder ihn gar bloßzustellen. Oft passiert nur wenig, und doch bleibt die aufgebaute Spannung erhalten. Kleine Details lassen die Personen lebendig werden.

Wenn die Autorin liest, könnte man meinen, es sei teilnahmslos, ein distanzierter Bericht. Mit Andeutungen ihrer Empathie hält sie sich zurück – wie beim Schreiben will sie möglichst kühl bleiben, jede Sentimentalität vermeiden. Der Zuhörer oder Leser fühlt sich absolut frei, er darf ungegängelt selbst beobachten.

Sehr unterschiedliche Menschen begegnen sich in der Lesung. Man ahnt, dass hinter der Fassade einiges verborgen bleibt, auch Dunkles. Was sie erzählt, liegt nahe am Alltag, die Erlebnisse können dem Leser vertraut sein. Man vergleicht mit eigenen Beobachtungen, ein aktiver Aneignungsprozess von Literatur kommt in Gang. Immer verharrt sie einen Moment, ehe sie zur nächsten markierten Textstelle weitergeht, die Zuhörer erleben eine Lesung in progress. Zuletzt liest sie noch eine kurze Erzählung, die 2020 in einem Sammelband erscheinen soll. Ihre Art, Personen zu betrachten, erscheint vertraut und macht neugierig auf Momentaufnahmen aus dem Alltag, die sich zum Geflecht von Befindlichkeiten fügen.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen