Überzeugt im Graf-Zeppelin-Haus: Alice Sara Ott.
Überzeugt im Graf-Zeppelin-Haus: Alice Sara Ott. (Foto: christian lewang)
Gerd Kurat

Bevor sich Alice Sara Ott an den Flügel im Ludwig-Dürr-Saal im Häfler Graf-Zeppelin-Haus setzte, erzählte sie ihrem Publikum eigene Gedanken zum ausgewählten Programm. Ihren Ansatz, hinter die Masken der „heiteren“ Welt zu schauen, die stillen Farben zum Leuchten zu bringen, Pole wie Hoffnung und Angst deutlich zu machen fand sie in den Werken von Claude Debussy, Erik Satie und Frédéric Chopin.

Zusammengefasst in einer „Blauen Stunde“, der melancholischen Zeit zwischen Tag und Nacht, ohne Pause zwischen den einzelnen Werken und ohne Zwischenapplaus begann eine musikalische Reise durch die Welt von „Licht und Dunkel“ mit faszinierender Sogwirkung. Barocken Glanz gab die feingliedrige Pianistin, nun in warmen Blautönen ausgeleuchtet, einer Glitzerleiste für die Klaviertastatur, dem Prélude aus der „Suite bergamasque“ von Claude Debussy. Klarer Anschlag für das graziöse Thema im Gegensatz zum ausschweifenden, schön gebundenen zweiten Thema führten im Menuett zu tänzerischer Heiterkeit.

Wunderschön der für Debussy typische, schwebende Charakter im weltbekannten dritten Satz „Clair de lune“. Durch feinste Klangnuancen öffnete sich der Blick für den „traurig-schönen Schein“ des gleichnamigen Verlaine-Gedichts. Der Finalsatz „Passepied“, ein populärer Barocktanz, lebte von verspielter, motorischer Rhythmik im kunstvollen Geflecht einer Fülle von Themen und Motiven.

Auch in der „Rêverie“ bestaunte man die stilistische Sicherheit für Debussys impressionistischen Klang. In langen Bögen bekam die ruhige, einstimmige Melodie über gebrochenen Akkorden der Begleitung eine unendliche Weite. Nach dem voll klingenden Mittelteil mit leichten slawischen Melismen und Rückkehr des verstärkten Anfangsthemas verschwand die Träumerei im gehauchten Piano.

Drei kurze Satie-Stücke aus den Sammlungen „Gnossienne“ und „Gymnopédie“ ergaben in der Mitte des Programms einen meditativen Haltepunkt. Die durchweg einstimmigen Miniaturen, meist über ostinater Akkordbegleitungen, bekamen mit viel Agogik fast romantischen Charakter. Trefflich wie die Spielanweisungen „mit Überzeugung und unerbittlicher Trauer“ oder „Verscharren Sie diesen Ton“ umgesetzt wurden.

Vielfältige Stimmungen und Emotionen traten in den ersten beiden Nocturnes op.9 von Frédéric Chopin hervor. Anmutig, mit zart schwingender Kantilene in reichhaltiger Verzierung oder sanften Oktaven führte Ott durch die melancholischen Nachtstücke. Im „piano pianissimo“ verhauchte die wunderschöne letzte Es-Dur Melodie.

Schwere Oktavdurchgänge im rezitativischen Vortrag – zwei fragende Überleitungstakte – dann begann mit einer ausladenden Belcanto-Melodie Chopins Ballade Nr. 1. Ein krönender Abschluss des Konzerts bei dem die intensive Auseinandersetzung mit dem polnischen Komponisten deutlich spürbar wurde. Die erschütternde Geschichte des Helden Wallenrod schilderte Ott mit innerer Spannkraft in rauschenden Episoden und gesanglichen Einschüben bis zum Absturz mit wuchtigen Oktaven im dreifachen Forte. Für den dann einsetzenden jubelnden Beifall bedankte sich die Ausnahmepianistin mit einem kleinen Walzer von Chopin.

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