Radikale Virtuosenmusik: Howard Levy (links) und Samo Salamon beim Landesjazzfestival.
Radikale Virtuosenmusik: Howard Levy (links) und Samo Salamon beim Landesjazzfestival. (Foto: Harald Ruppert)

Howard Levy sieht aus, als wäre er der genialische Dirigent eines Orchesters, das sich atonaler Musik verschrieben hat. Aber dann setzt er die Mundharmonika an und spielt einen Rodeo-Ritt, der wilder nicht sein könnte. Ein Gemisch aus Blues und Country bäumt sich auf, es gibt keine Grenze mehr zwischen einem melodischen Motiv und Improvisationen. Hier wie dort schlägt Howard Levys Instrument aus wie ein ungezähmter Mustang, zwischen dessen Beine Percussionist Nino Mureskic Knallfrösche streut. Samo Salamon an der Gitarre schrammelt dazu Akkorde der räudigsten Sorte und schaut zu Levy hinüber. „Wow!“, sagt jeder dieser anerkennenden Blicke.

Wenn man dem Konzert des Samo Salamons Trios im Amicus in Rahmen des Landesjazzfestivals etwas vorwerfen kann, dann, dass es sich hier um nackte Virtuosenmusik handelt. Sofern von „nackt“ die Rede sein kann angesichts dieser drängenden Hochgeschwindigkeits-Klangflut. Nein, zum entspannten Zuhören ist dieser Auftritt nicht geeignet, obwohl in geringer Mannstärke musiziert wird. Der slowenische Gitarrist, sein Landsmann Nino Mureskic und der amerikanische Mundhobel-Virtuose halten sich weder an stilistische Schubladen noch an Hörgewohnheiten. Levy kann auf ein expressives Intro Johann Sebastian Bachs Bouree folgen lassen.

Außerdem bläst er Läufe, für die ein Organist eine ganze Kirchenorgel bräuchte. Und seine Eigenkomposition „Ride the urban range“ wirkt wie eine augenzwinkernde Hommage an einen wilden Western, der längst von den modernen Großstädten aufgefressen wurde. Aber auch diese Großstadt wird nostalgisch betrachtet; denn der Cowboy, der in dieser Melodie tänzerisch leicht in den Sonnenuntergang reitet, swingt wie in den alten Musicalfilmen von Gene Kelly und Fred Astaire. Dies sind noch am ehesten Momente, in denen man sich ans melodische Spiel des Mundharmonika-Virtuosen Toots Thielemans erinnert fühlt. Sonst aber spielt Howard Levy in Sachen Abstraktionsvermögen in seiner eigenen Kategorie.

Unheimlich romantisch

Immer wieder klingt das Triospiel mehr nach Neuer Musik als nach Jazz. Aber insbesondere Samo Salamon hat auch seine versonnenen Momente. Ob sein Spiel dann unheimlich romantisch klingt oder das Romantische ans Unheimliche grenzt, ist eine offene Frage. Seine atmosphärisch dichten Klanggewebe streifen eine Unwirklichkeit zwischen Traum und Albtraum.

Die begeisterndsten Momente gehören aber Nino Mureskic. In einem sehr langen Solo verfremdet der slowenische Musiker elektronisch den Klang seiner sehr sparsamen Percussioninstrumente und seiner scattenden Stimme. Dabei schlägt sein Können in puren Aberwitz um, bis die Zuhörer beim Trinken ins Weinglas prusten. Ein besseres Zeichen, dass diese oft schwierige Musik ihr Publikum eben doch erreicht, gibt es nicht.

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