Interview: Warum in Friedrichshafen Pflegepersonal fehlt

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Nach dem Tod ihres Ehemanns übt Ingrid Wolf aus Immenstaad deutliche Kritik an der Pflegesituation im Häfler Klinikum. Die Schwäbische Zeitung hat Evelyn Schneider, kommissarische Pflegedirektorin, und Susann Ganzert, Leiterin der Unternehmenskommunikation, damit konfroniert und sie im Interview um eine Einschätzung zu den Problemen, zu Veränderungen in der Pflege in den vergangenen Jahren und einen Ausblick auf die weitere Entwicklung gebeten.

Im Gespräch mit der SZ hat Frau Wolf eine Frage gestellt: „Wie viel Budget steht einem Menschen eigentlich zu?“ Die Frage müsste man zwar eher an Krankenkassen und Politik richten, aber wenn Sie eine Antwort formulieren müssten - wie würde die lauten?

Evelyn Schneider: Es gibt zwar Erkrankungen, für die abrechnungstechnisch gewisse Summen vorgesehen sind. Was zählt, ist aber einzig und allein das, woran der Patient erkrankt ist und welche Behandlung er braucht. Und diese Behandlung bekommt er.

Die Pflegesituation, wie Frau Wolf sie im Fall ihres Mannes beschreibt, deutet auf einen eklatanten Personalmangel im Klinikum Friedrichshafen hin.

Evelyn Schneider: Es gibt überall Personalmangel, auch in Friedrichshafen. Viele junge Menschen wollen nicht mehr in den pflegerischen Beruf, weil sie über die Medien immer wieder hören, dass er anstrengend ist und dass die Arbeitszeiten nicht attraktiv sind. Früher hatten wir für die Ausbildung bis zu 100 Bewerbungen, jetzt sind wir schon froh, wenn es 40 sind.

Wie beurteilen Sie generell die Pflegesituation am Klinikum FN?

Evelyn Schneider: Wir haben insgesamt zirka 250 Stellen im Pflegedienst, wovon aktuell elf nicht besetzt sind.

Würden Sie sagen, dass das, was Frau Wolf beschrieben hat, ein Ausnahmefall war, bedingt durch besondere Umstände zu dieser Zeit, oder ist das mittlerweile der Normalfall, weil das Pflegepersonal generell nicht mehr so viel Zeit für die einzelnen Patienten hat wie früher?

Evelyn Schneider: In Urlaubszeiten oder zum Beispiel zuletzt auch während der diesjährigen Grippewelle ist es schon so, dass sich die Pflege auf die notwendigsten Dinge, die der Patient braucht, konzentrieren muss. Man muss dann Prioritäten setzen. Dinge wie eine Ganzkörperwaschung werden dann schon eingeschränkt. Um die Fachkräfte zu entlasten, setzen wir auch Service- und Hilfskräfte ein, die uns im hauswirtschaftlichen Teil entlasten - beim Essen und Getränke bringen, Geschirr abräumen und ähnlichem.

Für einen Mangel an Pflegepersonal kommt neben dem fehlenden Nachwuchs noch eine zweite mögliche Ursache in Frage: dass die Personaldecke aufgrund des Kostendrucks bewusst möglichst dünn gehalten wird.

Evelyn Schneider: Friedrichshafen ist ein Haus der Zentralversorgung. Um Qualität in der Pflege gewährleisten zu können, brauchen wir ein gewisses Personalkontingent. Es gibt eine Grenze, die nicht unterschritten werden kann.

Wie hat sich die Pflegesituation in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Evelyn Schneider: In der Pflege konnten wir früher mehr Wert auf Betreuung legen. Der Kontakt zum Patient ist weniger geworden - was aber auch daran liegt, dass es heute ganz andere Therapien, OP-Methoden und Hilfsmittel gibt und die Patienten nicht mehr so lange bleiben, unter anderem, weil die Diagnostik weniger Zeit in Anspruch nimmt, aber auch, weil die Patienten selber möglichst schnell wieder nach Hause möchten. Außerdem hatten wir früher viel mehr Patienten mit leichteren Erkrankungen, die heute ambulant behandelt werden. Heute haben wir fast nur noch schwer kranke Patienten, bei denen die Pflege sehr aufwändig ist – auch wenn moderne Hilfsmittel die Arbeit ein Stück weit erleichtern.

Würden Sie sich denn wünschen, dass die Pflege wieder intensiver und persönlicher wird?

Evelyn Schneider: Ich wünsche mir vor allem, dass wir wieder mehr Nachwuchs beziehungsweise Personal bekommen.

Damit Sie keine Prioritäten mehr setzen müssen?

Evelyn Schneider: Genau. Dann hätte das Pflegepersonal wieder mehr Zeit für die Betreuung der einzelnen Patienten.

Würden Sie sagen, dass Ihr Pflegepersonal überlastet ist?

Evelyn Schneider: In Spitzenzeiten schon, aber nicht generell. Wenn elf Stellen in der Pflege unbesetzt sind, müssen wir eben auch die Zahl der belegbaren Betten reduzieren. Wir können nicht das vorhandene Personal ausbeuten, indem wir alle Betten belegen und dann erwarten, dass das Personal das schon irgendwie schaffen wird. In der Grippezeit haben wir deshalb auch bestimmte Bereiche schließen müssen.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung in der Pflege in den nächsten Jahren?

Evelyn Schneider: Da ist die Politik gefragt, wie man den Beruf attraktiver machen kann. Wir werden sehen, was unsere neue Regierung sich einfallen lässt. Klar ist natürlich, dass das eine Frage der Finanzierbarkeit ist - aber die Bevölkerung muss versorgt werden. Es muss etwas geschehen.

Was können Sie denn vor Ort tun?

Evelyn Schneider: Wir versuchen, junge Menschen für den Pflegeberuf zu motivieren. Wir bieten zum Beispiel Praktika für Schüler und das Absolvieren eines freiwilligen soziales Jahr an, außerdem werben wir bei unseren Ausbildungstagen und auf der IBO für den Beruf.

Susann Ganzert: Wir versuchen zum Beispiel auch, Kontakt zu Mitarbeitern in der Familienpause zu halten und bieten flexible Arbeitszeitmodelle und Wiedereinstiegskurse an. Auch ehemalige Auszubildende, die sich entschieden haben, woanders hinzugehen, schreiben wir nach ein paar Jahren an, um uns in Erinnerung zu bringen. Unser Ausbildungsprofil haben wir außerdem um eine einjährige Ausbildung zur Krankenpflegehelferin erweitert. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir das Problem frühzeitig erkannt und deshalb schon vor ein paar Jahren unsere Fühler weit über Deutschland hinaus ausgestreckt haben. Über ein Assesssmentcenter in Valencia haben wir zum Beispiel elf junge ausgebildete Pflegekräfte aus Spanien nach Deutschland geholt, in Familien von Mitarbeitern untergebracht und in unseren Arbeitsprozess integriert. Allerdings haben wir deren Heimweh unterschätzt. Viele sind wieder zurück gegangen. Im vergangenen November haben wir eine erste Gruppe mit neun Pflegekräften von den Philippinen bei uns begrüßt. Und wir hoffen, dass demnächst die nächste Gruppe kommt. Wir sind mittlerweile ein kommunaler Multikulti-Krankenhausverbund mit Mitarbeitern aus 50 Nationen.

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