„Integration betrifft die ganze Gesellschaft“

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Yalcin Bayraktar arbeitet seit dreieinhalb Jahren für den Bodenseekreis am Thema Integration.
Yalcin Bayraktar arbeitet seit dreieinhalb Jahren für den Bodenseekreis am Thema Integration. (Foto: Alexander Tutschner)

Yalcin Bayraktar (39) war in der letzten Kreistagssitzung der gefeierte Mann. Alle Fraktionen lobten den Leiter des Amtes für Migration und Integration im Bodenseekreis für seine Arbeit in den vergangenen dreieinhalb Jahren. Der neue Integrationsplan mit dem Titel „Vielfalt am See“ wurde einstimmig verabschiedet. Im Gespräch mit Alexander Tutschner erklärt Bayraktar die Grundzüge des Papiers und die aktuelle Lage der Migranten im Kreis.

Herr Bayraktar, die Rückendeckung im Kreistag ist sicher wichtig für Ihre Arbeit ...

Ja, besonders freut es mich, dass wir den Integrationsplan entwickelt und gleichzeitig die Flüchtlingszuwanderungen mit zum Beispiel sieben Notunterkünften gemanagt haben. Trotz der hohen Belastung haben wir also das strategische Arbeiten nicht vernachlässigt. Man muss systematisch an dem Thema arbeiten, nicht nur wenn die Zahl der Geflüchteten mal steigt. Das betrifft auch die Aufnahmegesellschaft. Man muss sich fortlaufend Gedanken machen, nicht erst dann, wenn ein Flüchtlingsheim brennt. Migration ist ein Zukunftsthema.

Auch ohne die Zuwanderung des Jahres 2015 wäre also ein Integrationsplan nötig gewesen?

Die Geflüchteten machen etwa zwei Prozent der Migranten im Bodenseekreis aus. Von den rund 212 000 Einwohnern des Kreises haben 28 321 keine deutsche Staatsangehörigkeit, jeder vierte hat seine Wurzeln im Ausland. Die Menschen kommen aus 152 Nationen. Es geht auch um Gastarbeiternachfahren oder internationale Fachkräfte, das Thema Integration ist vielschichtig.

Und die multikulturelle Gesellschaft ...

... bringt Herausforderungen mit sich, die man angehen muss. Aber unterschiedliche Lebensweisen, kulturelle Haltungen und Traditionen gibt es in jeder Gesellschaft. Hätten wir keine Zuwanderung, hätten wir sie Generationen übergreifend in Form eines Generationenkonfliktes. Dass jetzt vermehrt Menschen aus dem Orient zu uns kommen, können wir nicht ignorieren. Wir müssen die Aufnahmegesellschaft sensibilisieren. Und das heißt nicht, dass man immer alles tolerieren muss. Wir haben unser Grundgesetz, unsere Traditionen und Werte, das ist gut so. Wir müssen ins Gespräch gehen und aufklären, wie wir hier in Deutschland leben.

Welche Rolle spielt dabei die Religion?

In jeder Religion gibt es unterschiedliche Sichtweisen und Auslegungen. Denken Sie an die Abtreibungsdebatte oder die Verhütungsdebatte in der westlichen, christlich geprägten Welt. Die Gastarbeiter aus der Türkei kamen früher zwar meist aus ländlichen Gebieten, aber der Laizismus war damals in der Türkei sehr stark. Die Menschen kannten die Trennung von Religion und Staat. Die Menschen, die heute zu uns kommen, kennen den Islam oft als Staatsreligion. Man muss da viel Arbeit leisten. Aber, es gibt auch viele Vorurteile gegenüber dem Islam. Die Menschen werden sich stark isolieren, wenn wir nicht auf sie zugehen. Das sieht man an der dritten oder vierten Generation der Gastarbeiter, die sich bei Frust teilweise in Parallelgesellschaften zurückziehen. Ein Faktor sind dabei Diskriminierungserfahrungen. Wir müssen verhindern, dass sich die Menschen ausgegrenzt fühlen, egal aus welcher Kultur sie kommen.

Wie kann der Integrationsplan dabei helfen?

Die wenigsten der geflüchteten Menschen werden in absehbarer Zeit zurückgehen. Sie leben in den Kreisgemeinden, wir unterstützen deren Arbeit mit den Integrationsbeauftragten und -managern. Der Integrationsplan gibt die Leitlinien für deren Arbeit vor. Wir haben darin sowohl Ziele als auch Maßnahmen im Laufe eines großen Beteiligungsprozesses erarbeitet. Welche Maßnahmen für die jeweilige Gemeinde passen, muss vor Ort entschieden werden. Es gibt sieben Handlungsfelder mit 25 Zielen und über 100 konkreten Maßnahmen, die nicht nur bei Geflüchteten greifen.

Wie kommt die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten voran?

Unter den erwerbsfähigen Leistungsbeziehern, die sich noch im Asylverfahren befinden, haben mittlerweile knapp 40 Prozent eine Arbeit. Aber deren Einkommen reicht noch nicht aus, um sich komplett selbst zu finanzieren. Das zeigt, dass es Potenzial gibt. Jede vierte neu geschaffene Stelle wird momentan durch einen Geflüchteten besetzt. Es geht in die richtige Richtung, sodass die Menschen immer öfter für sich selbst sorgen können und nicht die Sozialkassen belasten.

Was können die Vereine zur Integration beitragen?

Wir haben es in der Vergangenheit oft versäumt, Migranten systematisch in die bestehenden Vereine zu integrieren. Daraus müssen wir lernen und die Menschen einbinden. Wir haben ja in einigen Bereichen einen Mitgliederschwund, es gibt hier also ein Potenzial für die Vereine, das Ganze könnte eine Win-Win-Situation sein. Die Integrationsbeauftragten vor Ort sind gefragt, die entsprechenden Begegnungen zu schaffen. Sie sollen mit Hilfe der Integrationsmanager in Gesprächen die Potenziale abfragen – spielst du ein Instrument, machst du Sport – und dann Kontakte herstellen und die Menschen in die Vereine begleiten. Die Hemmschwelle ist oft groß bei den Migranten.

Ihre Arbeit betrifft aber nicht nur die Geflüchteten ...

Bestimmte Gruppen können sich mit dem politischen System in Deutschland momentan nicht identifizieren. Seien es einheimische Protestwähler, einige Spätaussiedler oder eben manche türkischstämmige Migranten. Wir müssen verschiedene Gruppen im Auge behalten und dafür sorgen, dass die sich wieder stärker mit der Gesellschaft identifizieren können. Wir sollten uns hier nicht nur auf die Muslime fokussieren.

Ist der Anstieg der Protestwähler eine Folge verfehlter Integrationspolitik?

Ich würde sagen, es gibt in Teilen der Bevölkerung eine latente Unzufriedenheit mit der Politik. Wir müssen die Sorgen dieser Menschen ernst nehmen, damit radikale Gruppen, die es in jeder Gesellschaft gibt, es nicht einfach haben, diese Ängste für Ihre Zwecke auszunützen. Es geht immer um Menschen, die sich nicht mitgenommen fühlen, sie sind anfällig für Extremismus von rechts oder links oder für religiösen Fundamentalismus. Digitalisierung, Mobilität, Existenzängste – trotz boomender Wirtschaft gibt es viele Verlierer. Die Frage ist doch, wie kann man diese Menschen erreichen und integrieren, man muss den Begriff Integration also auf alle Bevölkerungsschichten ausweiten.

Haben Sie die Befürchtung, dass die in den vergangen Jahren hohe Zahl an Zuwanderern von Rechtspopulisten wie der AfD weiter instrumentalisiert wird?

Mittlerweile werden die Themen Flucht und Integration weniger emotional diskutiert. Wenn Sie sie sich aber die AfD anschauen, werden Sie sehen, dass sie versucht, weiterhin mit diesen Themen zu spalten. Warum spricht man nicht über das Rentensystem oder Altersarmut? Aber noch mal, man wird andere Themen finden, um Angst zu schüren. Vielleicht die Öffnung der Gesellschaft für neue Familienformen oder etwas anderes.

Seit dreieinhalb Jahren arbeiten Sie für den Bodenseekreis am Thema Integration, wie fällt Ihre Bilanz aus?

Wir haben uns damals vier Ziele gesteckt und mittlerweile alle erreicht. Mit dem Amt für Migration und Integration haben wir eine zentrale Koordinierungsstelle für die Integration geschaffen und mit dem Migrationsforum ein verbindliches Netzwerk entwickelt. Wir haben die interkulturelle Öffnung gefördert und einen verbindlichen Integrationsplan für den Bodenseekreis erarbeitet. Darauf kann man jetzt aufbauen.

Die turbulente Zeit war das Jahr 2015 ...

Im Herbst 2015 haben wir pro Woche über 100 Leute aufgenommen. Ich habe meinem Team damals immer gesagt: Wir schreiben Geschichte, ihr wisst es nur noch nicht. Ich glaube nicht, dass so eine Situation wieder kommt. Vielleicht in 20 oder 30 Jahren. In zehn Jahren können die Leute sagen, es war anstrengend, aber cool, ich war dabei und wir haben es ganz gut gemeistert. Das alles war nur mit meinem engagierten Team und der ehrenamtlichen Unterstützung möglich. Wir haben knapp 4000 Menschen im Bodenseekreis aufgenommen und tausende Menschen bewegt von den Hallen in die Gemeinschaftsunterkünfte und in die Anschlussunterbringung. Von 23 Gemeinden haben bei uns 17 eine Integrationsbeauftragte oder einen Integrationsbeauftragten, das ist prozentual der beste Wert im Land.

Welches Ereignis hat Sie besonders bewegt?

Es gab viele Einzelschicksale, die mich bewegt haben. Eines ganz besonders. Ein allein gereister Mann in einer Gemeinschaftsunterkunft in Kressbronn hat erfahren, dass seine komplette Familie in Syrien bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. Wie wollen sie diesen Mann integrieren? Den muss man erst einmal auffangen. Wir haben viele traumatisierte Menschen – verwundete Menschen, die Familien, verwandte und Freunde verloren haben. Viele erzählen Ihre Geschichte gar nicht. Frauen und Kinder aus der Libyenroute haben oft Missbrauch erlebt. Kinder, die aus Syrien kommen, haben in ihrem Leben noch nichts anderes gesehen als Krieg.

Was wird künftig wichtig sein?

Wir müssen die Menschen – egal ob Migrationshintergrund oder nicht – mitnehmen, auch, um den sozialen Frieden vor Ort zu gewährleisten. Die Arbeitsmarktintegration und die Wertevermittlung betreffen die gesamte Aufnahmegesellschaft, die zwei Punkte muss man ganz stark im Auge behalten.

Bald wechseln Sie zur Stadt Friedrichshafen und übernehmen das neue Amt für Soziales, Familie und Jugend ...

Das neue Amt ist für mich eine Herausforderung, die ich sehr gerne angehen möchte. Ich bringe viel Erfahrung mit, beschäftige mich seit Langem mit dem Thema Integration, habe aber auch schon im sozialen Bereich gearbeitet. Es geht um die drei Bereiche Familien, Senioren, Kinder und Jugendliche sowie Zuwanderer und Menschen, die in soziale Schieflage geraten sind. Auch das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) der Stadt bietet interessante Ansätze. Ich kenne Beteiligungsprozesse, sie sind anstrengend aber mittel- und langfristig der richtige Weg.

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