Ingo Appelt: Politisches Kabarett ist nur was für Bildungsbürger

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Ingo Appelt hat viele Gesichter. Das des bösen Buben der Comedy-Szene ist nicht mehr darunter.
Ingo Appelt hat viele Gesichter. Das des bösen Buben der Comedy-Szene ist nicht mehr darunter. (Foto: Felix Rachor Postproduktion: grafik-und-redak)
Schwäbische Zeitung

Ingo Appelt zeigt sein Programm „Besser ist besser“ am Donnerstag, 10. Mai, 20 Uhr, im Bahnhof Fischbach. Karten für 29,60 Euro im Vorverkauf gibt es im Internet unter

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Ingo Appelt galt lange Zeit als der böse Bube der deutschen Comedy. Heute sieht er seine Rolle anders. Wie er auf die schwarze Liste von Islamisten kam, warum er kein politisches Kabarett macht und warum er Comedy für gefährlich hält, die sich an einer männlichen Zielgruppe orientiert, erzählt er im Gespräch mit Harald Ruppert.

Sie sind als politisch aktiver Mensch bekannt. Wird die große Koalition gut oder schlecht für Deutschland sein?

Weder das eine noch das andere. Aber ich bin froh, das jemand irgendwas macht. Politik ist immer sehr zäh. Ich prophezeie schon seit Jahren, dass die Politik sich schwer tut, eine gewisse Macht auszuüben. Wenn Andrea Nahles Parteivorsitzende der SPD wird, scheint die Personaldecke sehr dünn zu sein. Außerdem sind die Leute verwirrt und wählen alles Mögliche zusammen. Alles geht. Dieser Spruch von früher: „Die wehrhafte Demokratie erträgt so viel“ – ist, glaube ich, nicht mehr richtig.

Kann es Comedy gelingen, dass Leute mit politisch extremen Positionen über sich selbst lachen? Oder kann man sie nur bloßstellen?

Bei den meisten, die hardcore drauf sind, ist Hopfen und Malz verloren. Du kannst Leute überzeugen, die Mitläufer sind – die AfD wählen, um mal ein ’Zeichen zu setzen’. Bei den großen Rudeln kann man mit Schwarmeffekten noch einiges erreichen. Mit Humor und vor allem Vorbildfunktion. Nach dem Motto: Wenn ich es schaffe, könnt ihr das auch. Stellt euch nicht so an!

Warum machen Sie kein rein politisches Kabarett?

Das interessiert mich nicht so sehr. Politik ist ein Randbereich, der notwendig ist, gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In Dieter Nuhrs TV-Sendung „Nuhr im Ersten“, in der ich auftrete, sind wir sehr politisch. Das ist klassisches politisches Kabarett. Es hat nur den Nachteil, dass es sich unter den Wissenden abspielt. Das Bildungsbürgertum ist unter sich. Aber was macht man mit dem Rest? Ich bin ja doch recht volkstümlich. Meine Grundposition ist, dass Humor sehr wichtig für den Alltag ist: sich die Sachen wegzulachen. Dazu gehören auch Themen wie Männer/Frauen und die notwendige Abschaffung des maskulinen Machotums. Ich sage nur Farid Bang und Kollegah. Die schaffen den „Echo“-Preis ab, verkaufen jetzt noch mehr und freuen sich. Mit diesen Jungs ins Gericht zu gehen, brennt mir auf den Nägeln.

2012 wurde bekannt, dass sie auf der schwarzen Liste von Islamisten standen.

Da standen wir aber alle mal drauf. Die suchen sich Ausweichziele, weil sie Angela Merkel nicht kriegen. Da stand ich dann eben auf der Liste, zusammen mit „Michael Langse“, wie sie geschrieben haben. Dabei meinten sie Markus Lanz.

Das klingt nicht, als ob Sie vorsichtig geworden wären.

Meine Bedenken gehen in andere Richtungen. Ich lebe seit drei Jahren in Berlin und meine Beobachtungen dort sind schlimm. Neulich stehe ich auf dem Alexanderplatz. Die Mülleimer quellen über, man fühlt sich wie in Bangladesch. Und da steht ein untersetzter Kerl, der mit einem Grinsen voll gegen die Polizeistation pinkelt. Diese Dreistigkeit und Respektlosigkeit machen mir eher Angst, als vom IS bedroht zu werden.

Dürfen sich Frauen im Comedybereich mehr erlauben als Männer? Manches, was Carolin Kebekus bringt, würde man Ihnen schwer vorwerfen.

Das bejammere ich schon seit Jahren. Ich bin mit Musik von Lucilectric aufgewachsen: „Keine Widerrede, Mann, weil ich ja sowieso gewinn’ – weil ich’n Mädchen bin. Oder Tic Tac Toe: „Verpiss dich, ich find’ dich scheiße.“ Die Mädels waren plötzlich frech und wir Männer mussten die Klappe halten. Es gab einen weiblichen Chauvinismus. Carolin Kebekus bricht die Geschlechterklischees auf: „Ich ess’ am liebsten Mettbrötchen und drei Bier hinterher!’ Sie gibt sich maskulin. Und ich versuche auf der Bühne wiederum, eine Androgynität herzustellen. Aber die wichtigste Erkenntnis dabei ist: Die Männer müssen das Machotum selbst abschaffen. Sie müssen sich aktiv an ihrer eigenen Zerstörung beteiligen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Frauen das für uns erledigen.

Gibt es Tabugrenzen, die Sie nicht überschreiten würden?

Das ergibt sich aus der Situation. Provokation dient ja nicht als Verkaufsschlager. Bei Farid Bang und Kollegah ist die Provokation eine klar berechnete Gemeinheit, um bei der männlichen Zielgruppe für Gelächter zu sorgen. Wenn du Männer als Zielgruppe hast, ist es gefährlich, sich an ihnen zu orientieren. Dann bist du bei Ballerspielen, verkaufst Waffen oder Pornographie. Ohne Männer gäbe es diesen Markt gar nicht.

Wie haben sich Ihre Programme verändert, wenn Sie die frühen mit dem aktuellen vergleichen?

Ein bisschen bedachter sind sie geworden. Das war schon pubertär. Wie ein Kindergeburtstag bei einem 21-Jährigen. In den 90ern habe ich meine ganze Pubertät nachgeholt. Aber die Zeit war auch danach. Es gab Sendungen wie „Liebe Sünde“ und „Wa(h)re Liebe“, dann Techno und Loveparade. Die 90er Jahre waren sehr verspielt, sehr wild. Heute ist das ganz anders: du musst darauf achten, was du auslöst. 2002 sagte ich mir: Ich versuche, die Zielgruppe in Richtung Frau zu verändern. Natürlich war das eine Kapitulation: Ich bin meine TV-Show „Ingo Appelt“ losgeworden, weil 65 Prozent der Zuschauer Männer waren. Den Mädels gefiel die Show nicht. Erschreckend bei Kollegah und Farid Bang ist heute, dass unglaublich viele Mädels ihre Musik kaufen.

Schaffen Sie es, aktuelle Ereignisse in ihr Bühnenprogramm einzubauen?

Die erste halbe, dreiviertel Stunde ist immer nur aktuell. Es kann schon passieren, dass ich bis 23 Uhr spiele. Kürzlich habe ich 75 Minuten gespielt und hatte mit dem Programm noch gar nicht angefangen.

Ingo Appelt zeigt sein Programm „Besser ist besser“ am Donnerstag, 10. Mai, 20 Uhr, im Bahnhof Fischbach. Karten für 29,60 Euro im Vorverkauf gibt es im Internet unter

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