In sich ruhendes Klavierspiel voller Poesie und Innigkeit

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Sonntagsmatinee mit Danae Dörken: eine Poetin am Klavier.
Sonntagsmatinee mit Danae Dörken: eine Poetin am Klavier. (Foto: Cv)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Eine Poetin am Klavier hat man Danae Dörken genannt, die am Sonntagmorgen im Kiesel in der Earthquake-Matinee gespielt hat. Die 26-jährige Deutsch-Griechin stammt aus einer musikalischen Familie, ihre vier Jahre jüngere Schwester, Kiveli Dörken, hat vor zwei Jahren im Kiesel gastiert. Während Kiveli als feuriges Temperamentbündel mitreißt, ist Danae die Bedächtige, die beim Spiel spürbar in sich ruht, ohne die nötige Dynamik vermissen zu lassen.

Spannend war daher schon ihre Interpretation der 32 Variationen über ein Originalthema in c-Moll WoO 80 von Beethoven: ein gedrängtes Kompendium Beethovenscher Klaviertechnik, ein Universum an Form- und Ausdrucksmitteln, vom aggressiven Zupacken zu purer Idylle, vom spielerischen Anschlag zu weltentrückter Träumerei und rauschenden Tonskalen. Da sind in beständigem Fluss die Kontraste, die Ausbrüche, die melodische Energie der großen Werke.

Auf Beethoven folgten Felix Mendelssohn Bartholdys „Variations sérieuses“ op. 54, ein Eintauchen in die Romantik, in ein Werk voller Schönheit. Schlicht war das ernst vorgetragene Thema, das die Pianistin mit behutsamem Anschlag fortführte. Auch hier spiegelten sich Zupacken und Loslassen auf ihren Zügen, träumerische Gesanglichkeit erinnerte an Schumann, auch der Mutwille eines Pucks aus dem Sommernachtstraum brach durch, dann ein liebendes Sehnen, dem wilder, rauschhafter Tanz folgte, eine leidenschaftliche Stretta und wieder ruhige Moll-Akkorde – wie viele Werke könnte man aus diesen Miniaturen entwickeln.

Und doch schienen die vorangegangenen Variationen nur ein Vorspiel zu Leoš Janáčeks Zyklus „Auf verwachsenem Pfade“. Danae Dörken bekannte den Zuhörern, dass ihr dieses Stück besonders am Herzen liege, „ungefilterte Musik, die direkt aus seinem Innern kommt“, eher wie ein Tagebuch für sich selbst aufgeschrieben und nicht zur Veröffentlichung gedacht. 1903 war dem 75-Jährigen seine geliebte Tochter Olga gestorben, in tiefer Trauer geht er in dem Werk noch einmal die gemeinsamen Wege. Liebende Erinnerung in Wehmut und Zärtlichkeit, aber auch ein Aufbäumen spricht aus dem ersten Satz „Unsere Abende“. Hell und duftig malt der Vater das „verwehte Blatt“, das ein Sturm abreißt. Er sieht das unternehmungslustige Kind, lässt teilhaben an gemeinsamer Wanderung zur verehrten Friedecker Muttergottes, am unbeschwerten „Schwatzen“. Engelsgleicher Gesang mischt sich mit der Trauer des Abschieds. Nur langsam löste sich die Spannung nach dem intensiven Spiel. In der Zugabe lebte die Pianistin mit allen Fasern Manuel de Fallas rituellen Feuertanz aus dem Ballett „El amor brujo“, hochauf loderten die Flammen.

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