Mit lauten, vor allem aber auch mit leisen Tönen begeisterte Konstantin Wecker sein Publikum im GZH - rechts Cellistin Fany Kamm
Mit lauten, vor allem aber auch mit leisen Tönen begeisterte Konstantin Wecker sein Publikum im GZH - rechts Cellistin Fany Kammerlander. Bild: Geiselhart (Foto: Brigitte Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Ohne politischen Anspruch geht bei Konstantin Wecker gar nichts. Das weiß man, das ist sicherlich auch gut so. Kämpferisch zu bleiben, schließt für ihn aber nicht aus, in seinen Konzerten der Poesie den Vorrang zu geben. Wut und Zärtlichkeit, Mystik und Widerstand bleiben keine unüberwindbaren Gegensätze. Im Gegenteil – sie ergänzen sich. Das durfte ein begeistertes Publikum am Freitag im Graf-Zeppelin-Haus erleben.

Wecker im Trio mit Pianist Jo Barnikel und mit Cellistin Fany Kammerlander – das war ein musikalisches Erlebnis. Aber selbst diese Bezeichnung scheint noch zu kurz gegriffen. Nach gut drei intensiven und aufwühlenden Stunden und – gefühlt – unzähligen Zugaben hatte man fast den Eindruck, der Abend würde niemals enden. Ganz im Sinne der zahlreichen Wecker-Fans, die ihrem Idol in frenetischer Weise huldigten und von ihm einfach nicht genug bekommen wollten.

Ist der 71-Jährige inzwischen altersweise geworden? Sein Gang bleibt aufrecht, aber milder erscheint er in jedem Fall, umgibt sich fast schon mit der Aura des zum Narzissmus neigenden, ewig lächelnden und alles verzeihenden Grandseigneurs, der immer wieder mal gerne mit seinem fortgeschrittenen Alter kokettiert. Was nicht ausschließt, dass er zunächst einmal richtig Stoff gibt und mit seinem Klassiker „Willy“ ins Feld zieht, der mittlerweile schon mehr als 40 Jahre auf dem Buckel hat. Nicht nachlassen im Kampf gegen rechts, daran hat sich für Konstantin Wecker über die Jahrzehnte nichts geändert. Er hat aber auch gelernt, im Lauten genussvoll leise zu sein. „Das Laute schweigt, das Stille tönt.“ Solche Sätze passen immer besser zu ihm. Und gerade die sanften Töne sind es, die dieses Konzert so unvergleichlich machen, ihm einen sinnlichen und fast intimen Charakter verleihen. „Menschen müssen sich verändern, um sich selber treu zu sein“, sagt Wecker, bleibt auf der „Suche nach dem Wunderbaren“ und in der „Hoffnung auf ein unverschlossenes Paradies“.

Plaudereien übers Private

Ein Muss sind für Wecker natürlich seine Plaudereien übers Private. Es darf gern auch etwas ausschweifend sein. Er genießt es sichtlich, über Sucht, Kokain, Gefängnis und vor allem über seine Erfahrungen mit Richtern zu sprechen. Da sind auch seine Erinnerungen an verstorbene Weggefährten wie Dieter Hildebrand oder Werner Schneyder, nicht zuletzt das intensive Stöbern in der familiären Schublade. Die Liebeserklärung an den Herrn Papa, einen erfolglosen Opernsänger, mit Puccinis zärtlich erklingendem „Nessun Dorma“ als Hintergrundmusik. Das Loblieb auf die bis ins hohe Alter politisch denkende Mutter und die Einsicht des notwendigen Loslassens mit Blick auf seine eigenen Söhne. Und sogar der Brückenschlag bis hin zu seinem „Ziehvater“ Franz Schubert und die launige Erkenntnis, dass Liedermacher keine Erfindung des 20. Jahrhunderts sind.

Schluss mit dem allzu Sentimentalen. Der pazifistische Ungehorsam ist für Konstantin Wecker nach wie vor Programm. „Das Leben will nicht stramm marschieren, es lädt zum Tanzen ein. Wer mit dem Leben tanzen will, muss ungehorsam sein.“ Solche und ähnliche Liedtexte sind es, die man im Laufe des Abends immer wieder von ihm hört, von einem rebellischen Musikpoeten auch hören will. Durchaus mehr als nur eine Nebenrolle spielen Jo Barnikel und Fany Kammerlander. Die Cellistin, die sich sowohl in der Klassik- als auch in der Popwelt wohlfühlt und der langjährige Bühnenpartner ergeben zusammen mit Wecker ein perfekt aufeinander eingespieltes musikalisches Team, das sich auf Augenhöhe zu begegnen weiß.

Ist schon Schluss? Noch lange nicht. Bei nicht enden wollenden stehenden Ovationen schon gar nicht. Dass er der Versuchung nicht widerstehen kann, ein selbstverliebtes Bad in der aufgeheizten Menge zu nehmen, mag man Konstantin Wecker verzeihen. Denn: „Jeder Augenblick ist ewig.“ Ein langer aber nie langatmiger Abend geht dann aber doch irgendwann zu Ende – mit einem Gedicht. Mit was sonst. Ein stimmiger Abschluss eines bemerkenswerten Konzerts.

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